Liliom von Franz Molnár

Die Augen aus dem Kopf

Mit Liliom von Franz Molnár scheint das Berliner Ensemble seit dem 25. Mai 2012 (Premiere) nicht gerade einen Publikumsliebling im Programm zu haben. Dabei bietet Liliom einen zugleich unterhaltsamen und schwermütigen Theaterabend. Was als leichte „Vorstadtgeschichte“ daherkommt, entpuppt sich – dank einer sensiblen Inszenierung – als psychologisch differenziert gezeichnetes Drama.

Liliom ist der prominenteste Künstler des Rummelplatzes. Mit seinen Tricks und Kunststückchen, seinem rauen Charme und seinem rauflustigen Wesen zieht er die Leute – besonders die jungen Mädchen – scharenweise an. Seine Frau Muskat lässt ihn gewähren, aber den Mädchen sagt sie, dass sie keine Unanständigen in ihrem Ringelspiel dulde. – Einerseits ist sie eifersüchtig, andererseits möchte sie Liliom nicht zu sehr einengen, weil sie fürchtet, er verließe sie sodann. Dennoch geraten die beiden eines Tages über Julie Zeller, eines der jungen Mädel, so in Streit, dass Liliom Frau Muskat und dem Rummelplatz den Rücken kehrt. Er heiratet Julie und ist ihr ein denkbar schlechter Ehemann – zumindest nach außen: Er schlägt und kommandiert sie, lässt sich von ihr ernähren und aushalten. Tatsächlich aber kann Liliom mit seiner Liebe für Julie nicht umgehen und reagiert aus Überforderung und Unbeholfenheit, aus einem falschen Männerbild heraus so aggressiv. Julie liebt ihren Liliom und geht tapfer durch alle Torturen dieser Liebe. Sie ist mit dem ersten Kind schwanger als Liliom bei einem bewaffneten Raubüberfall entdeckt wird und aus Angst vor der Haft und Scham über sein Handeln Selbstmord begeht. Er wird vor das himmlische Gericht gestellt und erhält nach 16 Jahren Fegefeuer die Chance, für einen Tag auf die Erde zurückzukehren, um mit einer guten Tat an seinem Kind alles Übel aufzuwiegen …

Molnár hat brillante Figuren entworfen, die nicht nur sehr unterschiedliche, sondern auch tiefgründige Charaktere haben. Stets verbirgt sich etwas unter der äußeren Hülle, das erst im Laufe des Spiels offenbar wird. Seinen Liliom spielt Johannes Krisch als ein echtes Raubein mit einer gehörigen Portion Wiener Dialekt. Ihm gelingt der Spagat zwischen dem grobschlächtigen Prügelknaben und Saufkumpanen und dem zartfühlenden, schuldbewussten Liebenden. Man möchte sagen, seine Frau Muskat (Ursula Höpfner-Tabori) passe zu ihm, „wie die Faust aufs Auge“. – Sie ist ein resolutes Weib, das nicht mit seinen Reizen geizt. Frau Höpfner-Tabori ist nicht unvertraut mit der Verkörperung solcher Figuren und das merkt man ihr an. Wirklich überraschend, aber, und fabelhaft spielt Larissa Fuchs ihre Julie Zeller. Ihre brüchige Stimme passt gut zu diesem mutigen, starken und auch durchtriebenen Mädchen. Frau Fuchs verleiht der Julie durch ihre Körpersprache etwas tierisches, kätzisches; bewegt sich weich und ist doch körperlich sehr präsent. Daneben wirkt ihre Freundin Marie, mit viel Komik von Anne Schirmacher gespielt, plump und dumm-fröhlich. Frau Schirmacher spielt das tapsige, kindliche der Figur gut heraus, zeigt aber auch, dass in Marie bereits die Frau erwacht ist und diese mit viel Schüchternheit ihre eigene Liebe zu Wolf (Felix Tittel) und die aufkeimende Sexualität erkundet. In einer Nebenrolle gibt Anke Engelsmann Frau Hollunder, die erfrischend komische, mütterliche und stets krittelnde Haushalshilfe. Sie hat ihren verhuschten Sohn (Winfried Goos) vollkommen im Griff. Martin Seifert tobt sich in seiner Rolle als Polizeikonzipist aus und auch Stefan Schäfer und Marko Schmidt spielen seine Polizeikollegen mit sichtlicher Freude.

Katrin Kersten hat ein sinnvolles, wenngleich nicht überraschendes, Bühnenbild geschaffen. Sie hat kräftig in die Requisitenkiste gegriffen und ist dabei manchmal ein wenig in den Kitsch abgeglitten, aber das sei ihr angesichts des ohnehin glitzrigen Rummelplatz-Sets verziehen. Musik (Sebastian Herzfeld) und Licht (Ulrich Eh) sind unauffällig. Reger Gebrauch der Drehbühne hat dem Stück die Dynamik eines sich ewig drehenden Riesenrades gegeben. Einer nach dem anderen rücken die Figuren in den Vordergrund, verschwinden langsam daraus, kehren wieder. So hat Regisseurin Mona Kraushaar ein angenehmes Gleichgewicht zwischen den Figuren geschaffen. Der Zuschauer sieht abwechselnd durch die verschiedenen Perspektiven auf Liliom, das Zentrum, um das sich alles dreht, als blicke man in Zerrspiegel. Die Inszenierung ist ein Rummelplatz und der Rummelplatz ein Ort, an dem sich allerlei schräge Vögel tummeln. Doch der Zuschauer sieht sie auch noch, wenn die Lichter der Fahrgeschäfte lägst ausgegangen sind, sieht sie im grauen Alltagslicht, nicht mehr im Schein der bunten Laternen. Sieht den Charakteren nicht auf den Grund, ahnt aber ihre Tiefe.

 

Magdalena Sporkmann

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