Die heilige Johanna der Schlachthöfe von Bertold Brecht

Mehr war hier nicht gleich mehr

Schon seit dem 16. Dezember 2009 ist im Deutschen Theater Berlin Bertold Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe in einer Inszenierung von Nicolas Stemann zu sehen (Dramaturgie: Sonja Anders). Der Regisseur wurde Brechts Theorie vom epischen Theater dabei gerecht und so erwartet den Zuschauer ein sehr anspruchsvoller, bisweilen gar erschöpfender Theaterabend.

Brecht hat seine Figur der heiligen Johanna, der Johanna Dark, wie er sie nennt, an die Legende der Jeanne d’Arc angeleht, welche er gleichzeitig stark ironisiert. Aber auch Schillers Jungfrau von Orléans war ihm eine Inspirationsquelle. Brecht schrieb Die heilige Johanna der Schlachthöfe 1929, in dem Jahr des großen Börsenkrachs und der Weltwirtschaftskrise. Vor diesem Hintergrund ist das Werk als revolutionäres Agigationsstück zu lesen.

Der Chicagoer „Fleischkönig“ Pierpont Mauler (Andreas Döhler, Felix Goeser, Matthias Neukirch) ruiniert den Fleischmarkt, um mittels eines Börsenmanövers Millionen zu verdienen. Es entflammt ein Gerangel zwischen den Marktgiganten Mauler, Graham, Lennox und Cridle (Andreas Döhler, Felix Goeser, Matthias Neukirch), aus dem Mauler als der Sieger hervorgeht. Zigtausend Arbeiter werden aus den Fleischfabriken entlassen und demonstrieren angesichts ihrer bedrohten Existenz vor den Fabriken für die Wiederaufnahme ihrer Arbeit. Johanna Dark (Katharina Marie Schubert), Heilsarmeesoldatin der „Schwarzen Strohhüte“, versucht, die Armut der Arbeiter mit Suppe und einer Extraportion Frömmigkeit zu bekämpfen, sowie die eisige Kapitalistenseele Maulers durch flammende Reden und Unnachgiebigkeit zum Schmelzen zu bringen. Sie argumentiert, dass den Menschen der Sinn für das Höhere – womit wohl eher eine humane als eine religiöse Haltung gemeint sein dürfte – verloren gegangen sei, weil sie um ihre Existenz kämpfen müssten und damit ihr Streben gewissermaßen auf Niedriges wie die Deckung der Grundbedürfnisse reduziert sei. Gewalt lehnt sie als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele strikt ab. Doch ihre Botschaft bleibt ungehört oder unverstanden. Nach und nach verfallen alle, sogar Snyder, Major der Schwarzen Strohhüte (Matthias Neukirch), dem Mammon und schließlich zeigt sich auch Johanna bestechlich. In einem letzten Aufbegehren solidarisiert sie sich mit den Arbeitern, doch sie hält den harten Existenzbedingungen nicht stand. Im Todeskampf resigniert sie: „Es hilf nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und es helfen nur Menschen, wo Menschen sind.“ Die schwarzen Strohhüte und die Fleischbosse instrumentalisieren noch die Sterbende, indem sie sie zur Märtyrerin der christlichen Wohltätigkeit und Heiligen der Schlachthöfe, die ihre Klassenkampflektion noch nicht gelernt hat, erklären.

Statt Die heilige Johanna der Schlachthöfe vor dem Hintergrund Brechts kommunistischer Orientierung als Plädoyer für den Klassenkampf zu verstehen, sollte die Aufmerksamkeit des heutigen Zuschauers mehr den im Stück wirksamen Strukturen und deren Entsprechung in unserer Realität gelten. Börsenkrach, Finanzkrise und Entlassungswellen sind besonders innerhalb des letzten Jahres zum Thema Nummer eins der Tagesnachrichten avanciert. Menschen, die noch gestern mit gesicherten Einkünften ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten, sind heute durch Lohnkürzungen oder Verlust ihres Arbeitsplatzes an den Rand des Existenzminimums getrieben. Eine Perspektivlosigkeit und Depression ergreift weite Teile der Gesellschaft. Demonstrationen sind so zahlreich wie wirkungslos. Das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber Politik und Wirtschaft, die fatalerweise aufs Engste miteinander verknüpft sind, zwingt die Menschen in die Lethargie.

Einfach hat es Regisseur Stemann weder sich noch dem Publikum gemacht. Er parodiert sämtliche Institutionen und ihre Stellvertreter. Die Wirtschaftsbosse Mauler, Cridle, Graham und Lennox werden als blutrünstige, egoistische Idioten dargestellt, die ihre Machtkämpfe auf kindische, kurzsichtige Weise austragen. Eine Arbeiterin ( Margit Bendokat) und ihr Kollege (Andreas Döhler) werden stellvertretend für ihre „Klasse“ vorgeführt; vorgeführt als leicht bestechliche Dummköpfe, die frei nach Brechts Motto aus der Dreigroschenoper „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ ein animalisches Dasein fristen. Johanna ist eine Mischung aus sexy Showgirl, das dem Zuschauer seine Wahrheit und Pharma-Vertreterin, die dem Kunden ihr Wundermittel gegen jedes Leid, verkaufen will.Ihre Waffen sind penetrante Freundlichkeit, Anbiederung und die Moralkeule. Die Schwarzen Strohhüte entpuppen sich als verlogener Verein, der seine Legitimation nur durch den Schein der christlichen Menschenliebe aufrechterhält, im Grunde aber auch nur auf seine finanzielle Rentabilität schaut. Was Johanna, die zwischen allen Fronten steht, von den Anderen unterscheidet ist, dass sie tatsächlich als Einzige an den dem Geld übergeordneten Wert der Menschlichkeit glaubt. Allerdings macht ihre Mission sie blind für die tatsächlichen Umstände und so verfehlt sie ihr Ziel. Sie möchte ihre Überzeugung nicht nur nahe bringen, sondern jedem überhelfen, der noch nicht „bekehrt“ ist. Insofern gleicht sie ihren Kontrahenden, als dass auch sie keine andere neben ihrer „Wahrheit“ gelten lässt. Sie verliert durch ihren Kampf für und mit jedem Einzelnen den Blick für’s Ganze und wird letztendlich selbst von der Maschinerie zerquetscht. Ihre Botschaft verkommt so zu einer utopischen Traumwandlerei und wird mit ihrer Erhebung zur Heiligen dem Bereich des Möglichen entzogen. Johanna kann nicht mehr ernst genommen werden. Seltsam berührt jedoch ihr Schlussmonolog, den sie anschreien muss, gegen den Chor aus Unternehmern und Arbeitern und deren Lied vom Klassenkampf. Man spürt, Johanna hat Recht, doch die Mittel sind die falschen. Johanna scheint prophetisch eine Wahrheit zu verkünden, doch in einer Verwirrung ihrer allzu menschlichen Sinne, findet sie den Weg nicht, der dorthin führt. Weder die christliche Heilslehre, noch die Gewalt erweisen sich als probate Mittel und so bleibt auch der Besucher an diesem Abend ratlos zurück, was zu tun sei.

Nicolas Stemann hat mit der heiligen Johanna der Schlachthöfe einen fantastischen und wichtigen Stoff auf die Bühne gebracht und das Publikum enorm herausgefordert, sich mit den einzelnen Parteien und Positionen auseinanderzusetzen, weil er selbst durch seine Inszenierung keiner den Vorzug gibt. Diese betonte Unentschiedenheit ist ein Zeichen von Sensibilität für den Stoff und Verständnis der Problematik. Im Publikum wird ein sehr starkes Gefühl der Ausweglosigkeit erzeugt, man sucht verzweifelt nach einer Lösung, doch nichts will sich als geeignet erweisen. Stemann rüttelt sehr an unserer Moral, doch manchmal meint er es zu gut. So entwickelt sich beispielsweise die Fülle an intellektuell aufgeladenem Text, der teilweise in Blankversen verfasst ist, zur überwältigenden Flut aus Ideen, die nicht mehr verstanden, geschweige denn aufgenommen werden können. Überlagerungen der Sprechanteile führen zudem leider zu einer akustischen Unverständlichkeit, wozu auch durch eine falsch gesteuerte Lautstärke der Stimmen in Verbindung mit Musik beigetragen wird. Es ist oft schlicht zu schwierig, dem anspruchsvollen Text zu folgen.

Die schauspielerische Leistung ist hervorragend und unterstützt das Verstehen der Zuschauer merklich. Den Darstellern, die zum Teil mehrere Rollen übernehmen, gelingt es hervorragend, die Parallelen der einzelnen Charaktere wie auch deren jeweils charakteristische Züge aufzuzeigen. Katharina Marie Schubert gibt Johanna als eine Mischung aus verführerischer Jungfrau und überkorrektem Moralapostel. Ein wunderbarer Gegenpol ist die kernige Arbeiterin, von Margit Bendokat mit viel Dialekt und Inbrunst überzeugend gespielt. Felix Goeser, Matthias Neukirch und Andreas Döhler geben ausgesprochen humorvoll karikierte Wirtschaftshaie ab. Indem sie abwechseln die Rollen der Fleischmagnaten Mauler, Cridle, Graham und Lennox spielen, kommt deren Austauschbarkeit zum Vorschein. Lediglich die eigene Dreistigkeit gegenüber den Kontrahenten entscheidet über die Spitzenposition.

Die Leistung der Schauspieler wird eindrücklich von musikalischer Begleitung (Komposition und musikalische Leitung Thies Mynther ) durch die Musiker Johannes Alfred Mehnert, Thies Mynther, Antonio Palesano, Richard von der Schulenburg unterstrichen. Ein Chor symbolisiert die anonyme Masse der Arbeiter. Chor (Chorleitung: Marcus Crome) und Schauspieler singen Brechts Lieder und geben dem Theatertext so eine weitere, eine lyrische Dimension.

Bühnenbild (Oliver Helf, Nicolas Stemann) und Kostüme (Esther Bialas) liefern ein gelungenes Zusammenspiel und erzeugen stark atmosphärische Bilder. Auf einer Projektionsfläche wechseln sich künstlich erzeugte Bilder von Massenphänomenen (Arbeiterströme, Fleischdosen, Werbegesichter, …) mit Live-Videos von der Skyline des Industriegebietes und Interview-Situationen ab (Video: Claudia Lehmann; Live-Videos: Ekaterina Grizik, Berit Zemke). In Erinnerung bleibt auch die sich drehende Bühne, die ein Panorama der Fabrikhöfe gibt, auf dem im Schneegestöber bei offenem Feuer die in Decken gehüllten Arbeiter verharren, Johanna belagert von einem Fernsehteam. Zu Beginn ihrer Karriere wandelte sie noch in einer bodenlangen violetten Paillettenrobe, am Ende versucht sie sich mit einer alten Trainigsjacke vor der Kälte zu schützen. Die Garderobe zeugt vom sozialen Abstieg. So kleiden sich die Fleischbosse in weiße Abend- und die Arbeiter in bunte, ausgeleierte Jogginganzüge. Auffällig ist, dass auch Johanna nach ihrem Tod in einem strahlend weißen Glitzerkleid von den Fleischbossen hochgehalten wird. Damit hat sie, ganz unfreiwillig, die Seite gewechselt.

Die Inszenierung ist nicht schlecht, aber sie ist überambitioniert. Brecht würde der Unterhaltungswert fehlen, dem er einen – wenn auch zweitrangigen – Platz einzuräumen pflegte. Man sollte sein Publikum nicht unterschätzen, aber hier geht Regisseur Stemann wirklich an dessen Grenzen. Mit der vorherigen Lektüre des Brechtschen Textes, einem starken Kaffee und einem langen Atem sollte aber der Besuch dieser Inszenierung unbedingt gewagt werden, denn Die heilige Johanna der Schlachthöfe verdient heute ganz besondere Beachtung.

Man möchte sich nicht damit zufrieden geben, dass die Welt schlecht sei, weil der Mensch immer auch das Schlechte in seiner Seele beherberge und dieses Schlechte ausbreche, wenn nun mal die Verhältnisse – sprich: die Welt – schlecht seien. Diesem Teufelskreislauf weiß auch Regisseur Stemann nichts entgegenzusetzen. Insofern entlässt er einen grübelnden Zuschauer in die Nacht. Damit wäre Brechts Anspruch Genüge getan. Doch der Wunsch nach einer Lösung des Dilemmas bleibt unbefriedigt. Man kann wohl verlangen, dass es mit den Mitteln der Kunst gelingen kann, eine Perspektive – mute sie auch utopisch an – zu entwerfen. Denn dass die Resignation nicht zur Verbesserung der Verhältnisse führt, wurde ja hinreichend bewiesen. Die Arbeit eines Menschen sollte niemals nur dem Broterwerb dienen, sondern immer aus einem schöpferischen, konstruktiven Antrieb heraus ausgeführt werden. Nur dann kann der Mensch glücklich und die Gemeinschaft eine menschliche, solidarische, wenn man so will: brüderliche, sein.

Magdalena Sporkmann

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