Eugen Onegin nach Alexander Puschkin

Von Überdruss und Langeweile wird hier nur erzählt!

Es ist die erste Inszenierung von Alvis Hermanis an einem Berliner Theater und ein großer Erfolg: Der lettische Regisseur belebte Alexander Puschkins Versepos Eugen Onegin auf eine sehr unkonventionelle und spannende Art in der Schaubühne am Lehniner Platz. Die Premiere fand am 25. Januar 2012 statt.

Der Held dieses Romans in lyrischer Form ist der Dandy Eugen Onegin (Tilman Strauß). Er treibt sich mit größtem Vergnügen in der Glitzer-Welt der St. Petersburger Highsociety herum. Schein, Unnahbarkeit, Laissez-faire und Verführung sind die Säulen seines Glücks. Als er aber durch eine Erbschaft zu einem Landgut kommt, kehrt er versuchsweise den urbanen Freuden den Rücken und führt ein nicht minder luxuriöses Leben auf dem Land. Dort leisten ihm der romantisch-verträumte Dichter Lenski (Sebastian Schwarz), dessen Verlobte Olga (Luise Wolfram) und ihre Schwester Tatjana (Eva Meckbach) Gesellschaft. Schon bald verliebt sich Tatjana in den acht Jahre älteren Eugen Onegin und gesteht ihm ihre Gefühle in einem flammenden Liebesbrief. Onegin aber weist sie kaltherzig zurück und wendet sich demonstrativ ihrer Schwester Olga zu. Damit entfacht er Lenskis Eifersucht und es kommt zum Duell. Onegins Schuss trifft den Freund tödlich und zerbricht das soziale Gefüge. Die Schwestern Olga und Tatjana müssen auf dem Heiratsmarkt einen Versorger finden, der sie ehelicht. Nach zwei Jahren trifft Onegin Tatjana als Generals-Gattin und geschätzte Gastgeberin in St. Petersburg wieder. Diesmal ist er es, der sich maßlos in sie verliebt, doch Tatjana widersteht Onegin und hält ihrem Gatten die Treue.

Alvis Hermanis scheint ein besonderes Interesse für die russischen Realisten zu haben. Puschkins Versepos Eugen Onegin gilt als Wegbereiter für den realistischen russischen Roman und diese Schwellensituation hat Hermanis ganz wörtlich genommen.

Das Bühnenbild (Andris Freibergs, Elena Zykova) ist sehr liebevoll auf die realistische Darstellung eines großbürgerlichen Haushaltes ausgerichtet: umhäkeltes Bettzeug, opulente Möbel, ein Grammophon, reich bestückte Bücherregale – alles im Stil des frühen 19. Jahrhunderts. Befremdlich wirken darin die modern gekleideten Schauspieler, die in dieser Kulisse fehl am Platze scheinen. Sie berichten dem Publikum über die Zeit, in der Puschkin gelebt hat, sie erzählen von dem Autor selbst und geben Anekdoten aus seinem Leben zum Besten. Illustriert wird ihr unterhaltsamer Geschichtsexkurs von Projektionen oberhalb des Bühnenbildes, die Landschaftsgemälde, Portraits und Architektur-Bilder zeigen. Als es um die Mode der damaligen Zeit geht, entledigen sich die Schauspieler plötzlich ihrer Kleidung und schlüpfen endlich in die Kostüme (Eva Dessecker). Auch diese sind von der Unterhose bis zur Perücke realitätsgetreu den historischen Modellen nachgebildet! Allmählich gleiten die Darsteller ins Spiel, nach und nach schrumpft die Distanz zwischen Publikum und Bühnengeschehen. Nun dürfen auch Puschkins Verse in der sprachgewaltigen Übersetzung von Ulrich Busch ihre Kraft entfalten.

Foto: Thomas Aurin

 

 

 

 

 

 

Die Schauspieler rezitieren den Text mit viel Feingefühl, sorgfältig und klar. Besonders hinreißend ist die temperamentvolle Darbietung Eva Meckbachs. Tilman Strauß überzeugt als Dandy durch eiskalte Gleichgültigkeit, lässt aber die Brüchigkeit der Fassade ebenfalls durchscheinen und wandelt sich am Ende zum verzweifelten Gefühlsbündel, das kriechend um die Gunst Tatjanas fleht. Sebastian Schwarz als sein Gegenspieler gibt einen verweichlichten Traumtänzer Lenski – nicht ohne selbst auch ein wenig über diese Figur schmunzeln zu müssen. Luise Wolfram übt sich als Olga in zurückhaltender Sanftmut und entspricht darin wahrscheinlich ziemlich genau dem idealen Frauenbild Anfang des 19. Jahrhunderts. Auch Robert Beyers Leistung, der Puschkin selbst als Erzähler spielt, ist hervorzuheben. Er verleiht seinen Bemerkungen einen besonderen Witz, ein verschmitztes Grinsen.

Das ständige Kommentieren durchbricht immer wieder die Illusion, die die realistische Inszenierung aufbaut und erzeugt ein sehr bewusstes Spiel mit Nähe und Distanz, das die Zuschauer den wirkungsästhetischen Übergang, den Puschkins Werk ermöglicht, bemerken lässt.

Alvis Hermanis hat ein feines Gespür für das Zeitbewusstsein und die Fremdartigkeit der von Puschkin geschilderten Welt und Verhältnisse bewiesen. Er bringt dem Publikum eine Zeit und Gesellschaft nahe, zu der es sonst nur schwer Zugang fände. Er setzt gewissermaßen den nötigen Rahmen, um Puschkins Verse genießen zu können. Der Text nämlich hat in dieser Inszenierung einen unvergleichlich hohen Stellenwert. Das Spiel der Darsteller tritt vollkommen hinter ihre Rezitations-Leistung zurück. Darauf sollte der Zuschauer eingestellt sein. Es wird viel erzählt, wenig agiert. Aber wer sich darauf einlässt und der Poesie Gehör schenkt wird reicht belohnt. Ein bezaubernder Theaterabend dank eines gefühlvollen und gleichzeitig humorvollen Umgangs mit einem Werk, das als Meilenstein der Literaturgeschichte gilt.

Magdalena Sporkmann

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