Effi Briest von Theodor Fontane

Keine Angst vor Langeweile!

Foto: Bettina Stöß

Seit dem 14. Januar 2012 ist im Berliner Maxim Gorki Theater eine neue Romanadaption auf der Bühne zu sehen: Regisseurin Jorinde Dröse hat den beliebten Roman Effi Briest von Theodor Fontane inszeniert. Sie erlaubt eine ganz neue und meist nicht unbegründete Sichtweise auf die Protagonisten und rückt Effi noch stärker als die Romanvorlage in den Mittelpunkt. Schauspielerin Anja Schneider wird dieser Konzentration vollauf gerecht und begeistert in ihrer Rolle!

Die siebzehnjährige Effi, noch selbst ein halbes Kind, heiratet den ehemaligen Verehrer ihrer eigenen Mutter, Baron von Instätten (Robert Kuchenbuch), und zieht zu ihm nach „Hinterpommern“ in den kleinen Ort Kessin. Dort plagen sie Heimweh, Einsamkeit und Angst vor einem vermeintlichen Spuk im Dachstuhl. Im Übrigen langweilt sich die unternehmungslustige junge Frau in der Rolle der Gattin fürchterlich. Einzige Abwechslung bringen ihre neugeborene Tochter Annie (Benita Haacke / Lucie Schrag) und die Ankunft des Majors Crampas (Paul Schröder). Dieser teilt Effis Temperament und bald entspinnt sich nicht nur eine Freundschaft, sondern auch eine Liebesbeziehung zwischen den beiden. Effi erkennt jedoch die moralische Verwerflichkeit dieser Affäre und so kommt ihr die Versetzung ihres Mannes und der damit verbundene Umzug nach Berlin gerade recht. Sie beendet das Verhältnis mit Crampas. Jahre später entdeckt Instätten die Liebesbriefe Crampas‘, die Effi als Andenken aufbewahrt hatte, trennt sich von ihr und nimmt die gemeinsame Tochter mit sich. Zu allem Übel wenden sich auch noch Effis Eltern (Vater Briest: Wilhelm Eilers) von ihr ab und sie versinkt mehr und mehr in Hoffnungslosigkeit und Depression. Ihre treue Haushaltshilfe Roswitha (Ruth Reinecke) versucht Vermöge aller ihr zur Verfügung stehenden rhetorischen Fähigkeiten, der Herrin Eltern und Ehemann wiederzugewinnen …

Anja Schneider geht in der Rolle der Effi Briest vollkommen auf, dies ist ihre beste Darbietung! Ihre eindringliche Stimme und der zuweilen derbe Tonfall passen wunderbar zu der Brandenburger „Kotterschnauze“ der jugendlichen Effi. Anja Schneider ist ungestüm genug für diese leidenschaftliche, wilde und übermütige junge Frau. Doch es gelingt ihr auch, die gleichzeitige Sensibilität Effis darzustellen und die leisen Töne genauso innig anzustimmen. Ganz deutlich zeichnet sie die psychologische Entwicklung der Figur, entlang des steinigen Weges aus Enttäuschungen, durch ihr Spiel nach. Sie gibt Dröses Effi Gestalt in einer Klarheit und Vielschichtigkeit, wie sie selbst in der Romanvorlage nicht zu finden ist. Es ist eine Effi, die sich zwar das Temperament aus Kindertagen bewahrt, deren Geist jedoch zur Erwachsenen reift. Am Ende des Stückes ist Effi nicht ein „großes Kind“, sondern eine Erwachsene. Damit liefert Jorinde Dröse eine neue Effi. Sie hat eine Vision der tragischen Figur entworfen, die sie einen Emanzipationsprozess durchlaufen lässt. Ihre Effi bietet von Instätten Paroli und macht die eigenen Bedürfnisse ihm gegenüber stark. Die Inszenierung ist voller Ironie und so rutschen alle männlichen Figuren – zu denen auch Dienerin Johanna zählt, die von Paul Schröder mit viel komödiantischem Gespür in ihrer unvergleichlichen Verstocktheit wiedergegeben wird – ab und an in die Lächerlichkeit. Paul Schröder gelingt es, in dieser Doppelbesetzung zwei völlig konträre, dabei jedoch gleichermaßen komische und skurrile Figuren zu beleben. Crampas wird durch sein Spiel zum albernen Kinderzimmerhelden und damit zur kompletten Karikatur. Vater Briest bleibt vergleichsweise blass, erhält jedoch ebenfalls eine lachhafte Note, indem er von Wilhelm Eilers als ein wenig sozialblind und leeren Prinzipien treu dargestellt wird. Nur Effi und Roswitha bleiben von Lächerlichkeit verschont, da ihre Darstellung zwischen Ernsthaftigkeit und Selbstironie oszilliert.

Foto: Bettina Stöß

Auch das Bühnenbild (Natascha von Steiger) ist sehr gut gelungen. Kessin, an der Ostseeküste befindlich, wird durch eine Sandfläche symbolisiert. Auch in Berlin will dieser Sand nicht weichen. Er ist das störende Element im Getriebe; die Kessiner Jahre für Effi eine schicksalsbestimmende Zeit. Sie seufzt: „Ich wünschte, ich hätte diesen Flecken Erde nie kennengelernt.“

Die dem poetischen Realismus geschuldeten umfassenden Interieur- und Landschaftsbeschreibungen in Fontanes Roman werden gleichermaßen überzeugend in Rezitation einzelner Original-Textpassagen und Videoprojektionen sehr dezenter und doch atmosphärischer Art, gebündelt und parodiert: Es gibt sowohl Schneefall-Projektionen, schwarz-weiß Aufnahmen des Briestschen Gutes in Brandenburg und der berühmten wehenden Vorhänge auf dem Dachboden, als auch cartoon-artige Simulationen des Hundes Rollo, der weißen Seidenschuhe, die körperlos über die Dielen tanzen und der ausgestopften exotischen Tiere, die das Haus Instättens dekorieren. Stefan Bischoff hat wirklich eine passende und sinnvoll zusammenwirkende Illustration des Schauspiels geschaffen. In diesem Zusammenhang als sehr angenehm und bereichernd zu nennen ist auch die durchaus heterogene Musikauswahl, die Philipp Hagen getroffen hat. Gleichfalls verdient Kostümbildnerin Bettina Schürmann verbalen Beifall: Die Idee, Effi eine gefühlte Ewigkeit in dem ihre Bewegungen einschränkenden und sie zur Puppe stilisierenden Brautkleid stecken zu lassen, hat die Befreiungsbewegung der jungen Frau, indem sie nach einer Weile in leichteren, bequemeren Kleidern auftreten darf, bildlich wirkungsvoll unterstützt.

Das Maxim Gorki Theater darf sich über diese Inszenierung, die hier uneingeschränkte Zustimmung erhält und vom Publikum freudig und enthusiastisch aufgenommen wurde, freuen.

Magdalena Sporkmann

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