Wassa Shelesnowa von Maxim Gorki

Ein opulenter Guckkasten

Eine für den heutigen Theatergänger recht ungewöhnliche Inszenierung des Stückes Wassa von Maxim Gorki (in einer Übersetzung von Rainer Kirsch) ist Regisseur Alvis Hermanis in den Münchner Kammerspielen gelungen. Dort feierte ein begeistertes Publikum am 3. Februar 2012 die Premiere der Inszenierung. Sie ist noch bis 25. März 2012 in den Kammerspielen zu sehen.

Maxim Gorkis Stück ist im Jahr 1905, nach der gescheiterten Revolution, in Russland angesiedelt. Als ihr Mann und Ernährer im Sterben liegt, übernimmt Wassa Shelesnowa (Elsie de Brauw) das Regime über Familie und Finanzen. Als Geschäftsfrau kämpft sie um die schwindenden finanziellen Mittel und den Zusammenhalt ihrer Familie.

Die Inszenierung ist sehr realistisch: Vom Kerzenhalten, über die Cremedose, die Kostüme,  Servietten, den Schreibtisch und die Teppiche bis hin zu echten Tauben und typisch russischem, heiß aufgetragenem Essen entspricht die gesamte Ausstattung der eines gutbürgerlichen Haushaltes in Russland um 1900. An den Fenstern sind Eisblumen und durch sie dringt ein perfekt imitiertes Tageslicht (Licht: Wolfgang Göbbel) in den Bühnenraum, der den Wohnraum der Familie Shelesnowa darstellt (Bühne/Kostüme: Kristine Jurjane). Es wird in Echtzeit gespielt: Die Dienstmädchen gehen ihren Haushaltspflichten nach, tragen das Essen auf, Wassa gibt sich ihrer Morgentoilette hin, die Familie frühstückt gemeinsam … Fast ungläubig – zuweilen auch ungeduldig – nahm das Publikum die ersten Minuten der Aufführung auf. Doch es lohnt sich, sich einzulassen auf diese Zeitreise: Man erlebt eine Inszenierung im Stil Stanislawskis (1883-1938), eines russischen Schauspielers, Regisseurs, Theaterreformers und Vertreters des Naturalismus. Hermanis hat die Bühne in dieser Inszenierung zu einem Guckkasten werden lassen, in dem der Zuschauer in ein anderes Jahrhundert sieht. Natürlich ist diese Regieentscheidung höchst umstritten, doch die Publikumszahlen sprechen für sich: Diese Abwechslung zu abstrakten (Bühnen-)Bildern ist interessant, erfrischend und bereichernd. Ein wahrhaft opulentes Werk ist diese Inszenierung und vor allem funktioniert sie so, wie sie gebaut ist, wunderbar.

Der Übersetzer entschied sich für die ursprüngliche und damit weniger politische und gesellschaftskritische Fassung des Stückes. Hier geht es weniger um die gescheiterte Revolution und den moralischen Verfall als vielmehr um das Scheitern einer Familie. Bei Shelesnowas herrschen Missgunst, Neid, Unterdrückung, Lügen und Intrigen. Mutter Wassa herrscht wie eine Despotin über die Familie. Sie urteilt scharfsinnig und kommuniziert hintersinnig, als verbinde sie keinerlei Gefühl mit ihren Kindern, ihrem sterbenden Mann oder jedem anderen menschlichen Wesen. Gegen sie zu rebellieren, traut sich niemand und so verkommen alle anderen Figuren zu Duckmäusern und Fatalisten: Sohn Pawel ist „verwachsen, faul und dumm“. Benny Claessens  spielt ihn fabelhaft und als die Karikatur eines Sensibelchens, das mit 24 Jahren noch hin und her gerissen ist zwischen Mutters Rockzipfel und der Emanzipation vom Elternhaus. Groteskerweise ist Pawel verheiratet mit Ljudmila, einer ungestümen, wilden und verführerischen jungen Frau, die ungestört durch ihr Ehegelübde den sinnlichen Freuden mit anderen Männern frönt. Brigitte Hobmeier ist in dieser Rolle ein wahrer Wirbelwind und vermag, die Spannung zwischen unschuldig-mädchenhaft und frivol-verführerisch sehr gut zu halten. Eine weitere interessante Figur ist die Schwägerin Pawels, Natalja. Sie ist eine unheimlicher Charakter und die Vermutung, sie sei „wahnsinnig“ liegt nahe. Natalja schleicht überall herum, mischt sich in jedermanns Angelegenheiten ein – im wahrsten Sinne des Wortes durchwühlt sie gern das Hab und Gut anderer – und scheint einer hohen Moral verpflichtet zu sein. Sie wird gespielt von Çigdem Teke, die sie als graue Maus mit irrem Blick wunderbar skurril und gruselig darstellt. Sie vermittelt das Grauen, welches sich auch im Zuschauerraum, angesichts dieses „heimlichen“ Krieges auf der Bühne, breitmacht. – Der Zuschauerblick ist ein brutaler: Er starrt mehr oder weniger unbeteiligt die Figuren an, die sich seelisch und teilweise auch körperlich – Mordanschläge auf Familienmitglieder per Medikamentenüberdosis gehören quasi zur erprobten Kampftaktik – zugrunde richten. Dabei braucht nicht nach dem Effekt der Katharsis gefragt zu werden: Paradoxerweise entsteht bei dieser realitätsgetreuen Inszenierung kein Sog ins Geschehen hinein, sondern der Bühnenraum wirkt als abgeschlossener Raum, als Raum, in dem eine Art Experiment stattfindet. Die Entwicklungen in dieser Versuchsanordnung beobachtet der Zuschauer als Außenstehender. Will sagen: Vermutlich wird gerade dadurch, dass eine Realität, aber nicht unsere gegenwärtige, so detailgetreu abgebildet wird, eine Distanz geschaffen. Distanzierend wirkt auch die Spielweise der Darsteller, welche doch über die Nachbildung mittels einer Überspitzung und Karikierung hinausgeht.

Wem es gelingt, noch eine Karte zu ergattern, kann sich glücklich schätzen. Wassa ist ein Augenschmaus, eine perfekte Illusion. Die Sprache, die Übersetzer Kirsch für den Text gefunden hat, ist sehr stimmig, gemäßigt anachronistisch und trägt zur dichten Atmosphäre, die die Inszenierung aufbaut, erheblich bei. Alvis Hermanis’ Inszenierung bietet ein ungewöhnliches Vergnügen und die Schauspieler leisten großartige Arbeit und beweisen einen sensiblen Umgang mit Gorkis recht extremen und verschiedenen Figuren.

Copyright: Julian Röder

Magdalena Sporkmann

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