Petra und Gäste. Ein Tanztheaterstück von Sol Picó

Monsterzirkus

Copyright: Marta Vidanes

Fassbinders Die Bitteren Tränen der Petra von Kant vertanzt. – ‚Ob das gut geht?’, fragte sich sicher so mancher, der sich auf das Tanzstück Petra und Gäste von der Choreografin Sol Picó und dem Dramaturgen Carles Alfaro im Marstall des Münchner Residenztheaters einließ. Nun, schief ging es nicht … Das spanische Gastspiel ist im Marstall noch vom 13.-15. März 2012 zu sehen.

Acht Schauspielerinnen und TänzerInnen (Maru Valdivielso, Vanessa Segura García, Xaro Campo, Verónica Cendoya, Virginia García, Carlos Fernández Fuentes, Valenti Rovamora I Torà), die Choreografin mit inbegriffen, bilden Sol Picós Ensemble. Eine sympathische Truppe, fernab aller klassischen Tanzgruppen, in denen Uniformierung und ein strenges Regime herrschen: Hier hat jeder einen eigenen, starken Charakter und die Tänzer schauspielern und die Schauspieler tanzen. Figuren dieser Inszenierung sind natürlich Petra von Kant, Marlene und Karin. Petra allerdings ist in dieser Version eine Zirkusdirektorin und alle übrigen Figuren sind ihre „Monster“, ihre Kreationen, mittels Liebesentzug und Misshandlung aus Menschen entstanden. Entsprechend trashig und „abgedreht“ sind Bühnenbild (Joan Manrique) und Kostüme (Valeria Civil/Sol Picó): zwei drehbare Spiegel und rote Samtpolster, vor allem aber lange, wie überdimensionale Grashalme in die Luft ragende Holzstangen prägen die Szenerie. Auch die Kostüme sind ziemlich schräg: zu kurze und enge Kleider – für Frauen wie für Männer –, Glitzer und Leopardenmuster. Ebenfalls die teilweise recht schrille Musik passt in dieses skurrile Arrangement. Die Monster singen, geben animalische Geräusche von sich und lachen höhnisch, hohl und heiser. Petra und Karin allein rezitieren den Text, der einerseits von Fassbinder und andererseits von den Künstlern selbst stammt. Eine homogene, aber nicht herausragende oder poetische Mischung. Im Grunde wird dem Zuschauer die dramatische Liebesgeschichte der Petra von Kant in Kurzform erzählt; nichts darüber hinaus, keine Variation, keine Umdeutung. Interessanter ist die Choreografie. Ästhetisch entspricht sie sicherlich nicht den Erwartungen des Publikums. Bei Picó müssen die Monster nicht „schön“ oder anmutig tanzen. Stattdessen hat sie Bewegungsabläufe geschaffen, die animalisch, grob, närrisch und versonnen wirken. Wie sich die TänzerInnen an den Stangen auf und ab hangeln und winden, erinnert entfernt an den Gogo-Tanz. Es steht die erotische Sehnsucht der Figuren im Vordergrund, die Sehnsucht nach Körperlichkeit und sexueller Befriedigung. Es ist Picó gut gelungen, im Tanz die teils vulgäre Sprache wiederzuspiegeln, ohne Scham, fast mit ein bisschen pubertärer Freude an den obszönen Bewegungen. Es geht nicht um Verführung, sondern um das triebhafte Begehren, welches die Figuren verbindet und in dem sie gewissermaßen gefangen sind. Eine tolle Umsetzung dessen hat durch eine Art Spinnennetz aus Frischhaltefolie-Bahnen stattgefunden, in die die TänzerInnen als Finale eingewickelt wurden.

Kritik geht an die Dramaturgie. Es ist nicht erkennbar, in welchem Zusammenhang die Monster mit der Geschichte der Petra von Kant stehen. Soll denn ihr Begehren ein monströses sein? Im Gegenteil: Ihre Figur und Geschichte sind doch vielmehr die eines zutiefst menschlichen Bedürfnisses – wenn auch stark überspitzt: geliebt und begehrt zu werden, wie auch selbst zu lieben, zu begehren und die eigene Sexualität auszuleben. Die Monster sind eindrucksvolle Charaktere, aber mit der Petra von Kant haben sie nichts zu tun.

Das Ergebnis dieser tänzerischen Übersetzung Fassbinders ist eine rasante Vorstellung praller Körperlichkeit. Eine ungewöhnliche aber zum Thema durchaus passende Choreografie. Zugegebenermaßen hätte es dafür keines Fassbinders bedurft. Seine Geschichte fungierte nur als Stichwortgeber. Insofern eine etwas dürftige Rolle. Das rein visuelle Erlebnis ist aber durchaus interessant und extravagant.

Magdalena Sporkmann

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