Burn Baby Burn von Carine Lacroix

Abenteurer wie du

Am 22. Februar 2012 hatte am Teamtheater Tankstelle in München das französischsprachige Stück Burn Baby Burn von Carine Lacroix unter der Regie von Vincent Kraupner Premiere. Es handelte sich hierbei um eine Koproduktion mit der Cie Antéros und dem Lycée Jean Renoir, einer deutsch-französischen Schule. So sind in den weiblichen Hauptrollen die ehemalige Schülerin des Lycées Constanze Hörlin und die noch dort in der Ausbildung begriffene Theresa Weihmayr zu erleben.

Als Violettes (Constanze Hörlin) Moped irgendwo im Nirgendwo das Benzin ausgeht, steuert sie eine scheinbar verlassene Tankstelle an, in der Hoffnung, dort noch einen Rest Treibstoff zu finden. Zu ihrer großen Überraschung trifft sie dort auf Hirip (Theresa Weihmayr), die sich offensichtlich häuslich in der Baracke eingerichtet hat. Die beiden sind auf den ersten Blick vollkommen gegensätzlich: Violette kommt als Rockerbraut in schwarzer Kluft daher, gepierct und düster geschminkt. Hirip ist in alte, gefundene und viel zu große Sachen gewandet. Auch das Temperament der Mädchen unterscheidet sich sehr. Während Violette die Lässige und Unnahbare gibt, ist Hirip albern und ausgelassen. Hirip erzählt, ihre Mutter habe sie verlassen und sie führe nun ein durchaus glückliches Leben an diesem seltsamen Ort: Sie spürt die Zeit langsam verstreichen, gibt sich der Beobachtung der Vögel und Insekten hin und bekommt ab und an Besuch von „Abenteurern“, die diese abgelegene Straße noch befahren. Auch dieser Lebensentwurf ist absolut gegenläufig zu dem Violettes: Sie macht eine Ausbildung zur Frisörin, lebt mit ihren Eltern zusammen und hat einen festen Freund. Das alles findet sie „scheiße“. Es entwickeln sich Dialoge, in denen Hirip versucht, Violette zur Freundin zu gewinnen, indem sie ihr Fantasiegeschichten erzählt und sie so in den Bann ziehen möchte. Gerade als Violette ein wenig nachgiebiger wird und beschließt, sich der verlassenen Hirip anzunehmen, taucht Issa (François Goeske), der Pizzabote, auf und mit ihm eine Botschaft aus Violettes Alltag, die der Handlung eine tragische Wende verleiht.

Monika Staykova (Ausstattung) hat sich für ein wirklichkeitsnahes Bühnenbild entschieden: Eine Tanksäule neben der das gelbe Moped parkt, ein Plastikstuhl, ein paar Reifen und Kisten, einige Paneele mit den Schemen einer Steppenlandschaft. Das Licht taucht die Szenerie in Gelb-Orange und die Musik stammt meist aus der Sparte Rock/Pop.
Deutlich stehen der Text und die Darbietung der jungen Schauspieler im Vordergrund. Die einzige nennenswerte Schauspielerfahrung hat François Goeske. In ihrem Spielduktus unterscheiden sich die Darsteller denn auch sehr deutlich, womit allerdings keine qualitativen Unterschiede beschrieben werden sollen. François Goeske fällt zunächst eine Art Erzählerrolle zu: Er gibt atmosphärische Schilderungen des Schauplatzes. Später tritt  er als hinreißender Pizzabote auf, in den sich Hirip einfach verlieben muss. Goeske macht bereits einen sehr professionellen Eindruck, zeigt einen deutlichen Unterschied zwischen dem lautlichen Reichtum der Szenerie-Schilderungen und dem emotionalen Ausdruck im Dialog. Er wirkt im Vergleich sehr viel kontrollierter als seine Mitstreiterinnen. Theresa Weihmayr wird geradezu überwältigt von den Gefühlen, die ihre Rolle ihr abverlangt. Mit unglaublicher Energie stürzt sie sich in jede Szene. Sie treibt den Charakter ihrer Figur auf die Spitze, sodass Hirip entrückt und weltfremd wirkt. Ihre Emotionalität und Begeisterungsfähigkeit muten außergewöhnlich an. Sichtlich erschöpft und verstört durch diese eruptive Kraftentfaltung nimmt Weihmayr ihren Applaus entgegen. Constanze Hörlin spielt mit großer Genauigkeit die feinen Nuancen, in denen die Öffnung der Figur Violette vor sich geht.

In der Ankündigung heißt es, die beiden Protagonistinnen seien „Abbilder der ‚typischen‘ Jugendlichen von heute“ und sie zögen sich in eine eigene Parallelwelt zurück, weil sie auf der Suche nach der eigenen Identität sich selbst verloren hätten. Offensichtlich wird hierbei auf verschiedene Gruppierungen angespielt, in denen sich manche Jugendliche zusammenschließen, um gemeinsam einem bestimmten Lebensstil nachzugehen, Bewegungen wie ‚Gothic‘, ‚Emo‘ oder ‚Punk‘ und andere mehr. Als junge Kritikerin kann ich diese Darstellung nicht als realistisch bestätigen. Eine Minderheit der Jugendlichen schließt sich solchen Cliquen an und es ist nicht gesagt, dass der Grund dafür eine Resignation vor der Suche nach der eigenen Identität ist. Burn Baby Burn ist eine Darstellung, die Möglichkeiten zu einer prekären Ausnahmesituation zuspitzt. Die Figur der Violette ist dabei durchaus klischeehaft geraten. Hingegen ist Hirips Charakter sehr ungewöhnlich und mutet noch fast kindlich an.
Sicher zeigt Burn Baby Burn nicht die „’typischen‘ Jugendlichen von heute“, sondern vielmehr das Aufeinanderprallen zweier extremer Lebensweisen. Jedoch so unterschiedlich, wie die beiden Mädchen zu sein scheinen, eines eint sie zugegebenermaßen: Der Wunsch nach Zugehörigkeit, Geborgenheit und Liebe.

Magdalena Sporkmann

Diese Kritik wurde auch veröffentlicht auf: http://www.theaterkritiken.com/

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2 Kommentare zu “Burn Baby Burn von Carine Lacroix

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