Lulu von Frank Wedekind

„Mich ausziehen – das kann ich.“

Seit April 2011 läuft am Berliner Ensemble die heiß begehrte Robert Wilson-Inszenierung von Frank Wedekinds Lulu. In wiederholter Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Singer-Songwriter Lou Reed schuf Wilson in dieser, seiner fünften, Inszenierung am Berliner Ensemble ein Gesamtkunstwerk, das deutlich deine vielfältigen Professionen erkennen lässt: Er arbeitet nicht nur als Regisseur und Theaterautor, sondern ebenfalls als Maler, Lichtdesigner, Bühnenbildner, Videokünstler und Architekt. Den Besucher erwartet eine – sowohl das Bühnenbild, als auch die Licht- und Soundeffekte sowie die Maske betreffend – sehr aufwändig gestaltete Inszenierung. Der Zuschauer wird in einen synästhetischen  Strudel gezogen, hin zu Lulu, und kommt dabei – so modern die Inszenierung auch ist – Wedekinds Idee von Lulu vermutlich sehr nahe.

Frank Wedekind schuf ursprünglich zwei Tragödien, den Erdgeist und die Büchse der Pandora, die er fast sechzig Jahre lang immer wieder aufgriff und schließlich zu einer fünfaktigen ‚Monstretragödie‘ unter dem Titel Lulu vereinte. Die Gattung deutet den skandalösen Inhalt des Stückes bereits an: Die Protagonistin Lulu (Angela Wikel) ist eine notorische Ehebrecherin. Ihr Vater, Schigolch (Jürgen Holtz / Axel Werner), war ihr erster „Liebhaber“, es folgten viele weitere, die sie durch ihre Untreue gar in den Tod, mindestens aber zur Verzweiflung trieb. Lulu endet mit einem Luxusbordell in Paris, wird jedoch dort von einem Lustmörder, Jack the Ripper (Sabin Tambrea / Christian Löber), erstochen.

Es wäre einfach, Lulu in die Schublade mit der Aufschrift ‚Vamp‘ oder ‚Femme Fatale‘ zu stecken, doch so hat es Wedekind sicher nicht gemeint. Lulu entstand aus Wedekinds Abneigung gegen die bürgerliche Scheinmoral seiner Zeit. Zwischen fromm und frivol schuf er mit der Figur der Lulu einen dritten Typus, ein Paradoxon: Lulu fühlt sich von den Männern – und auch Frauen – aus reiner, unschuldiger Triebhaftigkeit – nicht durch die bürgerliche Moral zu bändigen – angezogen. Welchen Einfluss dabei der sexuelle Missbrauch hat, dem Lulu als Kind zum Opfer gefallen ist, soll an dieser Stelle nicht gedeutet werden. Ohnehin offensichtlich ist die Mischung aus Lust und Angst vor dem Alleinsein, die Lulu in immer neue Männer- und Frauenarme treibt, schließlich in die ihres Mörders. Im doppelten Sinne bringt ihr so die Lust den Tod. Wenn man sich aber am Ende fragt, wer denn nun Lulu gewesen sei, so fällt die Antwort schwer: Die Inszenierung stellt deutlich die Mystifizierung der Lulu heraus: Sie wird mit einem wilden, edlen Tier verglichen, man sagt von einem leeren Rahmen, dies sei ihr Portrait und sie wechselt ihren Namen wie ein Chamäleon seine Farbe: Daisy, Katja, Mignon, Nellie, …

Was Wedekind an Absurdität und Groteske in Lulu angelegt hat, kitzelt Wilsons Inszenierung heraus und treibt es auf die Spitze: Alle Schauspieler sind stark geschminkt, erinnern an Clowns.  Die Kostüme (Jacques Reynaud) oszillieren zwischen dem späten 19. Jahrhundert und heute. Lulu ist mit ihren altmodischen Kleidern in Wedekinds Epoche stecken geblieben. Die Männer hingegen, besonders Jack the Ripper, könnten uns in ihren Auf- und Anzügen auch gut heute begegnen. Diese maskierten Figuren setzt Wilson in ein minimalistisches, flexibles und stark assoziatives Bühnenbild, wodurch eine eigene, aus Verfremdung konstruierte, Welt entsteht, die sich (trotz zeitweisem Einreißen der ‚vierten Wand‘) deutlich vom Publikum abgrenzt. So gelingt es, die Zeichen Wilsons zu erkennen und zu deuten. Drei Bilder sind besonders in Erinnerung geblieben: In Lulus Dachgeschosswohnung – bestehend aus einem Gerüst – sind „ihre Männer“ als Trophäen oder Souvenirs wie in einem Setzkasten aufgereiht. In der Ankunftsszene in Paris schleicht Lulu über eine von Zypressen und Kronleuchtern gesäumte Landebahn, eine Art Freiluft-Versailles und Abbild der romantischen Vorstellung von Reinheit und Erhabenheit, die sie sich von Paris macht. Zuletzt die Mord-Szene im fünften Akt: Durch punktuelle Beleuchtung treten die ehemaligen Liebhaber Lulus aus dem Dunkel, zu Figuren erstarrt und wie in einem Gruppengemälde vereint. Unweigerlich denkt man an surrealistische Gemälde von Dalí oder Magritte. Diese traumhafte und abstrakte Wirkung wird verstärkt durch Abspielen des Textes in Schleifen, durch Textüberlagerung, mantraartige Wiederholungen und zeitweises – bewusst verzögertes – Synchronsprechen. Wie durch ein Prisma wird so der Wedekindsche Text aufgefächert und einzelne Passagen brennen sich dem Zuschauer regelrecht ein. Hier ist eine detaillierte und tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Text (Dramaturgie: Jutta Ferbers) erkennbar, denn die Inszenierung wird ihm nicht nur gerecht, sondern schöpft seine Potenz vollkommen aus. Eine Ergänzung fand Wedekinds Stück in der Kombination mit Lou Reeds englischsprachigen Songs, die das skandalöse, welches der Theatertext nur andeutet in schwer verdaulichen musikalischen Illustrationen darstellen. Es spielt eine Live-Band (Stefan Rager, Ulf Borgwardt, Dominic Bouffard, Hans-Jörn Brandenburg, Ofer Wetzler, Joe Bauer) und die Schauspieler selbst singen die Lieder.

Dem Ensemble wird viel abverlangt und sämtliche Schauspieler wurden dieser Herausforderung in brillianter Weise gerecht. Lulu ist mit Angela Winkler besetzt, die die Figur als eine Art Kindfrau oder Puppe darstellte. Ihr Vater wird von Jürgen Holtz gespielt, wurde aber von der Kritikerin in der Besetzung mit Axel Werner erlebt, die grandios schien. Herausragend war auch die komödiantische und tänzerische Leistung Georgio Tsivanoglous, der Rodrigo Quast spielte. Christian Löber gelang es, einen diabolisch-wahnsinnigen Lustmörder Jack auf der Bühne entstehen zu lassen.

Nicht zu vergessen ist die Empfehlung an das Publikum, das Programmheft zu dieser Inszenierung zu erwerben: Darin findet sich neben dem kompletten Text und Informationen zu den maßgeblich an der Inszenierung Beteiligten, eine Reihe zauberhafter Proben- und Aufführungsfotos sowie Skizzen des Regisseurs zum Aufbau der Inszenierung. Diese verdeutlichen das Prinzip der Wiederholung, welches die Inszenierung prägt und geben einen kleinen Einblick in die Auseinandersetzung mit dem Stoff und dessen bildlicher Umsetzung. Außerdem ist dem Programmheft eine Sammlung der Songtexte von Lou Reed mit deutscher Übersetzung beigelegt.

Lulu ist ein sehr bekanntes und häufig gespieltes Stück, doch Robert Wilson ist eine außergewöhnliche Inszenierung gelungen. Begeisterung und Faszination sprachen aus heftigem Beifall und „Bravo“-Rufen des Publikums.

Magdalena Sporkmann

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