Im Dickicht der Städte von Bertold Brecht

Meinung zu verkaufen!
Am 30. Oktober feierte Im Dickicht der Städte von Bertold Brecht, inszeniert von Katharina Thalbach am Berliner Ensemble Premiere. Soviel sei vorweg gesagt: Der Besucher mache sich auf eine nostalgische Freakshow im Jahre 1912 bereit!
Er erlebt die Verquickungen einiger völlig kontroverser, doch allesamt schräger Figuren in Chicago. In diesem Großstadtdschungel, in dem sich die Beziehungen auf ungeahnte Weise verknüpfen und doch jeder nur dem eigenen Glück hinterherläuft, versucht George Garga, gespielt von Sabin Tambrea, seine höchsten Werte Ehrlichkeit, Vernunft und Menschlichkeit hochzuhalten. Noch arbeitet er in einer Leihbibliothek, doch er träumt davon, nach Tahiti auszuwandern, um dort frei zu sein. Eines Tages betritt Shlink, ein Holzhändler (Gustav Peter Wöhler), den Geschäftsraum mit Skinny, seinem Schreiber (Mathias Znidarec) und möchte statt eines Buches Georges Ansicht über ein Buch kaufen. Noch versucht der junge Bibliothekar Shlink über die Unveräußerlichkeit von Ansichten aufzuklären und versucht schließlich, die immer zudringlicheren Gäste wenigstens zu ignorieren. Als jedoch erneut die Tür sich öffnet und Jane Larry, Georges Freundin (Janina Rudenska), betrunken und in Begleitung des Pavians, eines Zuhälters (Dejan Bućin), herein stolpert, ist George geschockt: Seine geliebte Jane, einstmals Näherin, arbeitete nun als Prostituierte für Shlinks Freund. Tumult entsteht, Bücher gehen kaputt und schließlich wird auch der Besitzer der Leihbücherei, Mr C. Maynes (Roman Kaminski) durch den Radau angelockt. Trotz Georges Beteuerungen, diese Menschen, außer Jane, noch nie zuvor gesehen zu haben, entlässt Mr Maynes ihn angesichts der Gesellschaft und Verwüstung in welcher er ihn verwickelt glaubt. Arbeitslos sucht George das Kontor des Mr Shlink auf, um sich an ihm zu rächen. Dort begegnet er seiner  Schwester Marie Garga (Judith Stößenreuter), die, wie sich herausstellt, bei Shlink als Wäscherin arbeitet. George möchte diese Verbindung so schnell als möglich kappen und überredet seine Schwester, zu kündigen. Marie jedoch ist offensichtlich betrübt, Shlink verlassen zu müssen, da sie sich von ihm so gütig und großzügig aufgenommen und behandelt fühlte, fügt sich jedoch dem Wunsch ihres Bruders. George, der glaubt, wenigstens einen ihm lieben Menschen vor „schlechter Gesellschaft“ gerettet zu haben, setzt Shlink den Revolver zum Kampf soeben auf die Brust, als jener nüchtern feststellt: „Mein Haus und mein Holzhandel zum Beispiel setzten mich imstand, Ihnen die Hunde auf den Hals zu jagen. Geld ist alles.“ und den Spieß kurzerhand umdreht: Shlink überschreibt George sein Geschäft ungefragt. George akzeptiert, in der Hoffnung, Shlink werde nichts zu lachen haben. Er wird den gesamten Holzhandel niederbrennen, zuvor allerdings macht er von seiner Souveränität Gebrauch und lässt eine Holz-Lieferung doppelt verkaufen. Dieser schlagartige Reichtum beschert den Eltern Maë und John Garga (Mara Widmann und Andreas Seifert) neue Möbel, ein Klavier und reichlich Steaks zum Abendessen, bekehrt sogar Jane zu George; kurzentschlossen vermählen sie sich. Für George scheint Tahiti nicht mehr fern, doch der nun arbeits- und obdachlose Shlink bekommt von Mutter Garga Bett und Mahl bereitet und involviert peu à peu die Familie in den Streit: Er missbraucht die Heirat Georges mit Jane, um George wegen Schiebung anzuzeigen. George wird darauf inhaftiert, zeigt aber seinerseits Shlink wegen Vergewaltigung Maries an. Als sei George derjenige gewesen, welcher mit seinem Idealismus die Familie zusammengehalten hat, läuft nun alles aus dem Ruder: Jane lebt schließlich mit dem Pavian, körperlich und seelisch vollkommen verwahrlost, in einem billigen, heruntergekommenen chinesischen Hotel. In diesem Hotel ist auch Shlink anzutreffen, der von Marie noch immer wegen seiner einstigen Großherzigkeit verehrt wird. Obwohl sie ein liebevoll-zärtliches Gefühl für ihn aufkeimen spürt, tut sie es ihrer Schwägerin gleich und prostituiert sich, um Geld zu verdienen. Maë Garga entflieht der Not und lässt Haus, Gatten und Kinder hinter sich. Als George aus der Haft entlassen wird, ist er entsetzt über den Zustand seiner Familie und zieht sich in sich selbst zurück. Auch er kommt in besagtem Hotel unter und entflieht der Wirklichkeit mittels einer imaginierten Mutation zur Krähe. Doch Shlink und George treffen noch einmal aufeinander: Im Selbstmörderwald. Dort hofft Shlink auf Versöhnung, es sei doch allein um den geistigen Kampf gegangen. Als George ihn zurückweist, vergiftet sich Shlink und stirbt. George flüchtet nach New York. „Allein sein ist eine gute Sache. Das Chaos ist aufgebraucht.“

Momme Röhrbein gelingt es, mit einem schlichten Bühnenbild sowohl eine geeignete Plattform für die schillernden Figuren, als auch eine dichte und stimmungsvolle Atmosphäre zu schaffen. Letzteres glückte allerdings sicher nur halb so gut ohne die ungewöhnliche Arbeit mit Licht-Bildern (Ulrich Eh) und musikalische Einlagen (Ton: Axel Bramann), welche als Toncollagen und Kompositionen des „poetischen Klaviers“ Sabin Tambrea zu verdanken sind und von den Schauspielern tänzerisch nach Choreografien von Danny Costello umgesetzt werden. Als herausragender Tänzer zeigt sich Dejan Bućin!
Die Schauspieler beleben für uns überaus gelungen Brechts starke Charaktere, allen voran Sabin Tambrea, von dem man auch in dieser Inszenierung denkt, die Rolle stünde ihm sehr gut, tatsächlich jedoch vermag er die unterschiedlichsten Figuren faszinierend zu verkörpern. Allein aus Lust am Zusehen bei seinem Spiel lohnt sich der Theaterbesuch! Janina Rudenska erleben wir nur in der Rolle der Betrunkenen, doch dies überzeugend. Judith Stößenreuter mimt zunächst das reizende, biedere, strebsame Schwesterchen und schafft den sozialen Abstieg ebenso sicher. Gustav Peter Wöhler gibt einen herrlich abstoßenden Shlink.
Die relativ lange Stückdauer von zweieihalb Stunden ist kein Wagnis: Brecht beweist seine Meisterschaft im Geschichtenerzählung und wir folgen gebannt und entzückt von der szenischen Umsetzung Katharina Thalbachs. Der Dichter selbst gestand, nur die mutigsten Theater würden sich an dieses Stück wagen, da es in der Vergangenheit bereits heftige Kontroversen ausgelöst hat. Katharina Thalbach also ist eine von den Mutigen, hat mit ihrer Inszenierung den Nerv der Zeit getroffen und gewissermaßen auch den Nerv Berlins: Oft fühlt sich der Zuschauer an alltägliche Szenen im Stadtbild erinnert und muss zugeben, dass so überzeichnet die Figuren auf der Bühne gar nicht sind. Denken wir an die höchst seltsamen Rüstungen einzelner in ihrem persönlichen Überlebenskampf: Der Mann, welcher sich ganz mit Aluminiumfolie panzert, um nicht „verstrahlt“ zu werden, die Frau, welche sich in einem Kostüm aus blauen Müllsäcken vor dem widrigen Herbstwetter schützt, aber auch die jungen Frauen, die ihre Nacktheit mit Lackleder zu bedecken versuchen. So skurril-witzig Brechts Figuren auch sind, so bitter ist die Einsicht in die Macht des Geldes, der sie alle unterliegen; bis auf George vielleicht, der uns immerhin als Krähe erscheint, dem schwarzen Vogel, der immer dort auftaucht, wo es unheimlich ist und wo eine böse Macht regiert; als ein Vogel aber, der davonfliegen kann.

Von Magdalena Sporkmann

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