Hedda Gabler von Henrik Ibsen

Foto: Arno Declair

Jetzt spielt sie wieder mit ihren Pistolen!
Es erstaunt nicht, dass Hedda Gabler in der Inszenierung von Thomas Ostermeier seit 2005 auf dem Spielplan der Schaubühne Berlin steht: Das 1890 von Henrik Ibsen verfasste Drama ist heute aktueller denn je: Es geht um die Angst vorm sozialen Abstieg, um berufliche Karriere, Besitzgier, um profitorientierte Beziehungen, und Selbstmord.
Die junge, attraktive Frau Hedda Gabler (Katharina Schüttler ) entscheidet sich gegen ihre Jugendliebe Eilert Løvborg (Kay Bartholomäus Schulze ), der seinen strahlenden Intellekt in Alkohol ertränkt und heiratet stattdessen seinen Konkurrenten Jørgen Tesman (Lars Eidinger ), Professor für Kulturgeschichte in spe, von dem sie sich ein bürgerliches Leben verspricht. Sie verleugnet nicht, dass sie mit diesem Schritt keine Liebesehe, sondern eine Zweckgemeinschaft eingegangen ist. Hedda interessiert sich kein wenig für die Forschung und Arbeit ihres Mannes, einzig für dessen Finanzen, die ihr ein hochherrschaftliches Haus und eine Putzfrau ermöglicht haben, sowie ein Reitpferd in Aussicht stellen. Die ökonomische Sorglosigkeit kommt ins Wanken, als  Løvborg, gesittet und mit einem aufsehenerregenden kulturgeschichtlichen Forschungsbeitrag bewaffnet, erneut auf den Plan tritt:  Tesman fürchtet eine Gefährdung seiner Professur und dem damit verbundenen sozialen und finanziellen Aufstieg; zu Unrecht, wie sich herausstellt, denn Løvborg möchte Tesman allein intellektuell besiegen. Hedda allerdings, ist keineswegs erleichtert: Brack, dem Rechtsanwalt und Freund ihres Mannes, vertraut sie an, dass ihr die Verhältnisse, in die sie „geraten“ sei, missfallen: Klischeehaft wird Hedda als eine Frau mit großen materiellen Ansprüchen dargestellt, die, als diese erfüllt sind, beginnt, sich in ihrem „Palast“ zu langweilen. Aus dieser Langeweile heraus nimmt sie ein altes „Hobby“ wieder auf: Sie „spielt“ mit den Pistolen ihres verstorbenen Vaters, General Gabler. An diesem Punkt wird ein Prozess deutlich, der durchaus erstaunlich ist: Inspiriert durch ein gesellschaftliches Ideal der Bourgeoisie, geht es zunächst darum, so viel Besitz wie möglich anzuhäufen. Ist der Besitz vorhanden, lässt das erhoffte Glücksgefühl weiter auf sich warten. Es setzt eine Gier nach mehr Besitz ein. Als dies noch immer kein dauerndes Glücksgefühl auslöst, stellt sich Langeweile ein, da nun die bis dahin alles bestimmende Aufgabe in sich zusammenfällt. Aus der Langeweile erwächst Aggression, die sich erst einmal gegen den Besitz richtet: Hedda zerschießt das Interieur ihres Hauses. Mit der Zeit schrumpft auch das Interesse am Besitzzerstören, hingegen wächst der Wunsch nach Macht, Macht über andere Menschen: Hedda verhöhnt ihren Mann als lächerliche Figur und seine enge Bindung zu seiner Tante Julle (Lore Stefanek) als infantile Abhängigkeit. Sie benutzt Brack, um Tesman zu hintergehen, stiftet Zwietracht zwischen Løvborg und seiner Vertrauten, Frau Elvstedt, und verführt Løvborg wieder zum Alkohol, dessen Rausch ihm den Tod bringt. Hedda zerstört die Gesellschaft, in die sie „geraten“ ist, und zerstört sich selbst schließlich mit, als Teil dieser Gesellschaft: Sie richtet Vaters Pistole auf den eigenen Kopf.
Wie in der Schaubühne zu erwarten, ist das Bühnenbild (Jan Pappelbaum) aufwändig: Ein überdimensioniertes Sofa, riesige Glas-Schiebetüren und weiße Blumensträuße stehen für Noblesse, ein schier ständiger Regen verbreitet Melancholie und Langeweile. Wie ebenfalls zu erahnen, fliegen dennoch die Fetzen: Hedda zerschießt Vasen, hackt einen Laptop klein und eine Blutspur entlang der Wand zeugt von ihrem Schläfenschuss.
Für ihre Rolle als Hedda wurde Katharina Schüttler von der Zeitschrift Theater heute als „Schauspielerin des Jahres“ 2006 ausgezeichnet und der Deutsche Bühnenverein würdigte ihre schauspielerische Leistung mit dem Faust für die „beste darstellerische Leistung Schauspiel“. Sie gibt eine Hedda, die den Zuschauer erschüttert, durch jeglichen Gemütszustand: Zähe Langeweile treibt sie dazu ,vollkommen nüchtern und ungerührt mit den Pistolen ihres Vaters Verwüstung anzurichten, ungeniert spottet sie über ihren Mann in seiner Gegenwart und lässt seine Wuttiraden  vollkommen ruhig über sich ergehen, träumerisch und in froher Erregung wünscht sie sich von Løvborg, er möge sich einen Tod bereiten, „der Größe hat“ und wie nebenbei fällt ihr Schuss zum Freitod. Die Dialoge sind  reich an Sarkasmus und Zynismus und mit einem bitteren Geschmack im Mund hat das Publikum durchaus etwas zu Lachen. Ein runder Theaterabend also; und Medizin für unsere Zeit, für die Menschen unserer Zeit: Wir müssen unsere Ansprüche hinterfragen und die Ansprüche, die die Gesellschaft an uns stellt. Wir müssen fragen: Ist das Ziel, erfolgreich im Job zu sein und das bestmögliche Gehalt zu erkämpfen ein Ziel, dessen Erreichen uns glücklicher machen wird? Mit welchen Motiven gehen wir Bindungen ein, weshalb pflegen wir Freundschaften? Ist unsere Arbeitsmoral gesund? – Tesman sagt, er wolle alles opfern, um eine wissenschaftliche Arbeit zu rekonstruieren. Auf Heddas Frage, was denn ‚alles‘ sein, antwortet er: „Zeit“, und im Publikum wird gelacht. Allerdings ist es heute ungewöhnlich, wenn die Zeit mehr wiegt als das Geld und einen zynischen Lacher wert! Die Entscheidung für einen Job fällt nicht selten zugunsten des Gehalts und zuungunsten der Freizeit aus.

Wir sind umzingelt von einer Moral die keine menschliche ist. Die Geschichte der Hedda Gabler sagt Elitepartner, Luxuslimousine und Social Networking den Kampf an und es ist empfohlen, zu erschrecken, wenn sie schießt, stehen zu bleiben und sich umzudrehen, um zu sehen, was uns antreibt!

Magdalena Sporkmann

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