Freedom And Democracy I Hate You von Mark Ravenhill

Heilung durch Kunst
Mit Claus Peymanns Inszenierung des Freedom And Democracy I Hate You in der Übersetzung von John Birke feierte Mark Ravenhills Stück im Berliner Ensemble Deutschlandpremiere. Wem Mark Ravenhills Handschrift bekannt ist, weiß, dass er besser ein stählernes Nervenkostüm anlegt, bevor er das Theater betritt.
Peymann hat neun Szenen entworfen, die die Emotionen der westlichen Weltbevölkerung angesichts des Krieges in Nahost und der damit verbundenen Bombenanschläge und Selbstmordattentate widerspiegeln. Das Publikum wird dazu in die Rolle der Bevölkerung aus dem Nahen Osten gesetzt und ist somit Adressat von Unverständnis, Verzweiflung, Anklage, Beschimpfung und Hass, die ihm als Begrüßung von einem Frauenchor entgegengeschleudert werden. Die folgenden Szenen zeigen zugegebenermaßen extrem klischeehafte häusliche Situationen, in denen die Themen Krieg, Gefahr und Tod verhandelt werden. Dabei sind Gewalt, Brutalität, ein derber Jargon und enormer Krach wirksame Mittel, um die Provokation und die Anspannung des Publikums auf die Spitze zu treiben. Peymann verlangt seinem Publikum, aber in ungleich höherem Maße seinen Schauspielern (in Mehrfachbesetzung) viel ab. Dabei sticht besonders die Darbietung Swetlana Schönfelds alias Mrs Morrison heraus: Sie spielt eine Mutter, die versucht, den Verlust ihres Sohnes, der als Soldat im Krieg fiel, zu verdrängen. Ihr gelingt eine so differenzierte Darstellung, dass der Moment des Kippens von Verdrängung in Verzweiflung zugleich ganz leise geschieht, aber solch schlagende Kraft besitzt, dass sich eine merkliche Beklemmung in die Zuschauerreihen schleicht. Scheint Mrs Morrison anfangs nur ein wenig schrullig, droht sie am Ende der Szene dem Wahnsinn anheimzufallen. Ebenso brillant doch ungleich komischer ist der Auftritt Corinna Kirchhoffs, welche die überdrehte Hausfrau Helen gibt, die Erlösung von ihren (psychosomatischen) Magenschmerzen in fernöstlichen Lehren, schamanischen Beschwörungen und allerlei Diäten sucht. Sie lebt uns den Alptraum der westlichen Zivilisation vor!

Das Bühnenbild ist entsprechend der sehr unterschiedlichen Szenen, die in doch raschem Wechsel aufeinanderfolgen, sehr wandelbar. Im wörtlichen Sinne zugrunde liegt dem ein Plateau aus flachen weißen Stufen, das sich über die gesamte Bühne erstreckt und den Schauspielern das Laufen erschwert. Dieser Boden voller Stolpersteine verbildlicht das Lebensgefühl der paranoiden Protagonisten: Überall lauert die Gefahr. Je nach Szene werden einzelne Möbelstücke so arrangiert, dass ein Handlungsraum entsteht, der für den Moment eine Illusion erzeugt, die vergleichbar ist mit dem „Zapping“ durch verschiedene Fernsehkanäle. Immer wieder aber wird die Illusion aufgebrochen und dankbar merkt der Zuschauer: Es ist nur gespielt! – Der Abgang der Schauspieler erfolgt nach jeder abgeschlossenen Szene sichtbar, so wie auch der Umbau des Bühnenbildes.
Freedom And Democracy I Hate You ist ein martialisches Stück, welches sich in höchst provokanter Weise mit dem Krieg in Nahost auseinandersetzt: Die Dialoge schwanken zwischen der Karikatur möglicher Kritik und Empfindungen und der Darstellung einer Wirklichkeit, die so weit von uns entfernt ist, dass sie nur in den Nachrichten zu existieren scheint. Ravenhill macht deutlich, dass die Frage nach Verantwortung, Schuld und Opfern nicht so einfach zu klären ist und bringt uns damit aus der Ruhe. Außerdem führt er uns Figuren vor, über deren Klischeehaftigkeit wir herzlich lachen. Garantiert wird das aber auch an einigen Stellen ein bitteres Lachen sein; nämlich wenn wir uns ertappt und unsere Lebensweise in Frage gestellt fühlen: Ist es wirklich die einzig richtige? Sind wir gute Menschen, weil wir gut leben? Und leben wir überhaupt gut? Was heißt gut? Peymann greift an der empfindlichsten Stelle in Ravenhills Text und inszeniert aggressiv den Dialog zwischen Bühnengeschehen und Publikum. Er packt den Theaterbesucher am Kragen und schüttelt ihn gewaltig durch. Ironisch wird diese moderne Katharsis zur deklariert.

Magdalena Sporkmann

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