Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams

Von Traumschlössern und Haudegen

Nur noch wenige Vorstellungen des Stückes Endstation Sehnsucht in der Inszenierung von Thomas Langhoff wird es im Berliner Ensemble geben. Es lohnt sich, sich um eine der letzten Karten zu bemühen!
Es wird die Geschichte der Blanche Du Bois (Dagmar Manzel) erzählt, die, nach dem Verlust des Familiengutes Belrêve völlig verarmt, neurotisch und dem Alkohol verfallen zu ihrer Schwester Stella (Anika Mauer) nach New Orleans reist. Mit Kleidern, Schmuck und der Pflege der Manieren ihrer Herkunft aus der Südstaaten-Aristokratie,  flüchtet Blanche sich in eine Traumwelt, weil sie den gesellschaftlichen Abstieg nicht verkraftet. Stella lebt mit dem polnischen Einwanderer Stanley Kowalski (Robert Gallinowski) in ärmlichen Verhältnissen zusammen und ist dem groben, zuweilen gewalttätigen Mann durch  sexuelle Leidenschaft verbunden. Stanley verkörpert für Blanche alles, was sie zutiefst verabscheut. Ihm hingegen geht ihre vornehme Geziertheit auf die Nerven. Als er spürt, dass Blanche versucht, ihre Schwester vor ihm zu „schützen“, zerstört er Blanches Illusionen und die sich anbahnende Liebesbeziehung zu seinem Freund Harold Mitchell (Veit Schubert). Schließlich vergewaltigt er Blanche und bricht sie damit vollends. Man hält sie für verrückt und bringt sie in der Psychiatrie unter.
Auf einer Drehbühne (Andrea Schmidt-Futterer und Ulrich Leitner), in deren Mitte sich ein Konstrukt befindet, welches dem Inneren eines Schneckenhauses gleicht, ist die Wohnung Stellas und Stanleys eingerichtet. In diesen Räumen spielt sich die gesamte Geschichte ab, sodass das „Schneckenhaus“ tatsächlich ein ganzes Universum bildet. Alles, was außerhalb dessen liegt, wird entweder geleugnet oder stellt sich als Illusion heraus: Stella möchte von dem Familiengut nichts hören, Blanche verheimlicht ihre Vergangenheit als Femme Fatale im Hotel Flamingo und erfindet stattdessen einen Millionär, der ihr Pelze schenkt und sie als Gentleman aus ihrer misslichen Lage befreien will, indem er sie auf eine Karibik-Kreuzfahrt einlädt. Das einzige, was von außen in diesen häuslichen Raum dringt, ist die Musik von den Straßen New Orleans: Eine Live-Band (Dieter Fischer, Paul Brody / Martin Klingenberg, Florian Bergmann / Uli Kempendorff, Lucas Prisor / Winfried Goos) spielt des nächtens, im Dunkeln, Jazz, Swing und Blues (Musik von hans-Jörn Brandenburg).
Blanche flüchtet sich in eine Märchenwelt und etwas Märchenhaftes hat auch das Setting durch seine Symbolhaftigkeit: Auffällig sind die sprechenden Namen: Das Familiengut ‚Belrêve‘, der schöne Traum, hat sich aufgelöst, ‚Blanche‘, die gar nicht so rein ist, wie ihr Name glauben machen will, ‚Stella‘, die der Schwester in ihrer Unbekümmertheit wie ein Stern im Dunkel der Verhältnisse strahlt und nicht zuletzt die Stationen der Straßenbahn, über die Blanche zum Wohnhaus Stellas gelangt: „Man hat mir gesagt, ich soll die Straßenbahn mit der Endstation Sehnsucht nehmen, dann umsteigen in die Linie Richtung Friedhöfe und sechs Straßen weiter aussteigen in den – Elysischen Gefilden.“ Die Stationen benennen den Gemütswandel Blanches: Zunächst die Sehnsucht nach der Blüte der untergehenden Aristokratie, dann die Erkenntnis des Scheiterns dieses eigenen Strebens und zuletzt der Ausbruch in ein imaginiertes Reich der Seligkeit. Auch die Ausstattung setzt auf Symbole: Blanche trägt immer dann, wenn sie Zuhause ist und nicht versucht, vor „den Leuten“ Eindruck zu schinden, ein sündhaft rotes Hauskleid. Hingegen bei ihrem Umzug in die Psychiatrie, den sie für den Aufbruch zur Kreuzfahrt erklärt, zieht sie ein Jäckchen an im „Blau der Madonnen-Mäntel auf den alten Bildern“.
Thomas Langhoff zeichnet eine Entwicklung der Blanche, aber auch Stanleys und Stellas nach, die die Figuren in einem fatalen Verhältnis zueinander in Verbindung setzt. Stanley repräsentiert die aufstrebende industrielle Gesellschaft und steht damit im Gegensatz zu Blanche, die an den Privilegien der untergehenden Südstaaten-Aristokratie festhält. Stella bildet ihre Verknüpfung: Sie hat sich auf das Leben mit Stanley und damit den neuen gesellschaftlichen Stand, eingelassen. Sie ist es auch, die zu vermitteln versucht: Blanche sei ein naives Kind gewesen und sei später als Frau mit derselben Naivität den Männern begegnet, die sie „ausgenutzt“ hätten. Tatsächlich wird Blanche in der Wohnung ihrer Schwester von zwei Männern missbraucht: Von Stanley und Mitchell. Mit beiden Männern hatte sie zuvor offensiv geflirtet. Statt Sex wünschte sie sich aber Zauber und Magie, eine reine, seelische Berührung und Geborgenheit. Es scheint, als sei Blanche alles Physische, Tatsächliche, unerträglich. Unglücklicherweise kann sie offenbar Männern nicht anders als in Koketterie begegnen, wie das Ende des Stückes in einer Grimasse zeigt: Verblendet folgt sie dem Psychiater, den sie für einen Gentleman hält und dem sie schmeichelnd gesteht: „Wer Sie auch sein mögen – auf die Freundlichkeit von Fremden habe ich mich immer Verlassen.“ An dieser Stelle muss ein Lob an die Schauspieler Dagmar Manzel, Anika Mauer und Robert Gallinowski ergehen, die ihren Figuren eine große Glaubwürdigkeit verleihen. Robert Gallinowski wirkt wie ein echter Haudegen, der jedoch mit überraschendem Scharfsinn die hysterische Lügenbaronin Blanche entlarvt. Auch gelingt ihm der Spagat zwischen der Herrschsucht über Stella und seiner zärtlichen, bereuenden Zuneigung zu ihr. Anika Mauer scheint wie geschaffen für diese Rolle und im Grunde zeigt sie durch ihre Heiterkeit, die zuweilen von Erschrecken vor Stanley und Kummer über das  Dilemma der Schwester sehr kurz durchbrochen wird, dass sie die eigentliche Träumerin ist. Zeigt Verständnis für das Handeln ihrer Schwester, weil sie deren Sozialisierung und ihre Charakterbildung von der Kindheit an nachverfolgen kann. Doch sie verschließt die Augen von den großen seelischen Not, die Blanche zu den Vertuschungen zwingt. Es überrascht, dass hingegen Blanche die unhaltbare Situation ihrer Schwester erkennt, während sie ihre eigene leugnet. Diese ambivalente Wahrnehmung vermag Dagmar Manzel sehr gut zu transportieren, indem sie sowohl zu Klarheit als auch zu Hysterie und Verklärung im Spiel fähig ist.
Das Publikum erwartet eben diese Bandbreite von Empfindungen und die Inszenierung legt es durchaus darauf an, den Zuschauer emotional stark miteinzubeziehen. Es darf durchaus gelacht werden, an Sarkasmus wurde nicht gespart. Dieser ist nicht immer im Text angelegt und so ist er durchaus dem Spiel und der Inszenierung zu verdanken. Tennessee Williams Stücke sind Vorläufer der modernen Hollywood-Filme (schließlich schrieb er auch Drehbücher und fast jedes seiner Theaterstücke, so auch Endstation Sehnsucht, wurde verfilmt), was in der Inszenierung am Berliner Ensemble sehr deutlich wird. Eine Bereicherung erfährt die Geschichte durch Theater-Effekte wie den Schattenriss, die Live-Musik und die Drehbühne.

Magdalena Sporkmann

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