Die Familie Schroffenstein von Heinrich von Kleist

Foto: Bettina Stöß

Ich versteh dich einfach nicht

„Am Anfang war das Wort.“  Dieser Satz leitet die Inszenierung von Antú Romero Nunes des Trauerspiels Familie Schroffenstein von Heinrich von Kleist, ein die am 19. November 2011 im Rahmen des Kleistfestivals am Maxim Gorki Theater Premiere feierte. Mit dieser monumentalen Aussage steckt Nunes das Spielfeld ab: Es soll auf der Bühne eine Welt aus Sprache geschaffen werden und doch wissen wir aus dem Kleitschen Text, dass es eben das Scheitern der Kommunikation ist, welches letztlich diese Welt zusammenstürzen lässt.
Bei solcher Theatralik ist es erstaunlich, dass das Publikum sich wenig berührt zeigte von dieser Inszenierung; viele klagten gar über Langeweile. Leider muss zugegeben werden, dass Regisseur Nunes viel vom provokanten Potenzial des Stückes unter den Tisch hat fallen lassen, denn der Plot ist – wenngleich nicht so dramatisch wie bei Kleist – heute keine seltene Geschichte: Es geht um eine Familie – die Schroffensteins – die sich über einen Erbvertrag derart zerstritten hat, dass nun Mord und Totschlag herrschen: Wessen Erblinie zuerst ausstirbt, dessen Besitz wird dem anderen Familienstrang übertragen. Rätselhafte Todesfälle erweckten Misstrauen, Vorurteile und Missgunst und rufen Vergeltungsschläge hervor. Kleist lässt aus dieser Situation heraus ein Liebespaar nach dem Vorbild von Shakespeares Romeo und Julia entstehen: Die Kinder der verfeindeten Familienstränge, Ottokar (Paul Schröder) und Agnes (Julischka Eichel), verlieben sich ineinander; unabhängig von den Schuldzuweisungen zwischen den zerstrittenen Familienzweigen: „Denn etwas gibt’s, das über alles Wähen und Wissen hoch erhoben. Das Gefühl ist es der Seelengüte anderer.“ Ihre Flucht ist zwecklos: Um Agnes vor seinem Vater zu schützen, tauscht Ottokar mit ihr die Kleider und wird von seinem Vater, der ihn für Agnes hält, erstochen, so wie Agnes von dem ihrigen, der sie für Ottokar hält. Es geht in diesem Stück um Gier und Misstrauen und um den Versuch mittels Sprache zur Wahrheit vorzudringen.

Entgegen der Erwartung, hebt Nunes in seiner Inszenierung ganz klar den Konflikt zwischen Misstrauen und Liebe hervor und lässt sich stark von einem Schicksalsgedanken leiten. Es ist bedauerlich, dass er uns damit den Diskurs um die Kommunikationsprobleme eigentlich vorenthält, denn in unserer Gesellschaft, die sich über mannigfaltige Kommunikationsmittel – facebook, e-Mail, SMS, twitter und und und – vernetzt, ist der Verlust von tatsächlichem Austausch, von gegenseitigem Verstehen, ja gar Interesse, erschreckend. Der Versuch immerhin, die Sprache zu thematisieren, ist erkennbar und äußert sich in offensiven Sprechakten, wie Brabbeln, Schreien und Wiederholungen. Allerdings lässt sich der Gedanke nicht abschütteln, letztendlich sei Nunes der Kommunikationsfalle selbst erlegen, denn der Kleistsche Text – ehrfurchtsvoll in großen Teilen übernommen – spricht durch seine Inszenierung nicht zu uns. Er rieselt auf das Publikum herab, von wenig Spiel unterstützt und von keinerlei Leidenschaft getragen. Immerhin bleibt zu hoffen, dass Regisseur und Schauspieler wissen, was sie uns mit Kleists Text sagen wollen. Jedenfalls wird er so unambitioniert herunter gebetet, dass von der Botschaft wenig bis nichts im Publikum ankommt, sodass sich Unverständnis und mit diesem Langeweile im Theatersaal breit macht. Mit sehr viel mehr Freude werden hingegen im Kleistschen Text nicht vorgesehene Passagen dargeboten: Vom Bauchredner über die Brabbeltirade bis hin zu gänzlich neuem Text. Dieser soll den bleischweren Gebetsteppich vermutlich auflockern, verfängt sich jedoch in Blödeleien wie der Endlosschleife aus dem inzwischen zum Kalauer verkommenen „Yes, I can“, welches sich in der Inszenierung aus der phonetischen Ähnlichkeit zum Verb ‚kennen‘ herleitet. Dieser Einfall vermag zu erheitern, doch nur durch seine Lächerlichkeit. Nichts wird greifbar in dieser Inszenierung: Die Figuren bleiben verwechselbar (teils durch Mehrfach-Besetzungen bedingt) und charakterlos.
Regelrecht spannend wirkt dagegen die intelligente Gestaltung des Bühnenraumes: Die Beleuchtung teilt das Stück in drei Ebenen auf: Weißes Licht zeigt das schiere Geschehen an, die Wirklichkeit gewissermaßen; im rot-blauen Licht verstricken sich die Figuren in ihren Verschwörungstheorien, Verdächtigungen und Beschuldigungen; im grünen Licht schließlich trifft sich das Liebespaar in einer Grotte und damit ihrer „Parallelwelt“. Dem Bühnenbild (Stéphane Laimé) ist ein immerhin in Erinnerung bleibender Schluss zu verdanken: Als einziges Objekt steht ein Gerüst mit doppeltem Vorhang auf der Drehbühne. Die Leiche Ottokars liegt der Agnes‘, getrennt durch den Vorhang, gegenüber, der sich bei dem Ausruf „Doppelt die Leiche meines Kindes!“ öffnet und durch ein halb durchsichtiges Spiegelglas die (Spiegel-)Bilder Ottokars und Agnes‘ übereinander projiziert und sich so die Züge des anderen mit den eigenen vermählen.
Unbestritten ist ‚Sprache‘ das Thema, welches den Theaterbesucher während dieses Abends beschäftigt.

Bedauerlicherweise ist der Anlass, Nunes‘ Inszenierung, ein Beispiel dafür, wie Sprache nicht  bzw. nur für sich und völlig inhaltslos funktioniert. Geradezu überflüssig mutet da der Wunsch an, von der Inszenierung über die Thematisierung des Problems hinaus eine Alternative, einen Ausweg aus der sprachlichen Isolation, angeboten zu bekommen.
Magdalena Sporkmann

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