Im Herzen der Gewalt von Édouard Louis

Im Herzen der Gesellschaft

Erst kurz vorm Schluss wird die brutale Tat gezeigt: Ein Mann würgt einen anderen Mann mit einem Schal, fesselt und vergewaltigt ihn dann. Bis der Zuschauer Augenzeuge dieses Verbrechens wird, hat er jedoch bereits knapp zwei Stunden lang verschiedenen Erzählungen der Tat zugehört. Nichtsdestoweniger sind die Minuten, in denen sie dann wirklich auf der Bühne stattfindet, eine Qual. Im Herzen der Gewalt lautet der treffende Titel dieser Bühnenadaption des gleichnamigen autobiografischen Romans von Édouard Louis. Das Stück feierte in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier am 3. Juni 2018 seine deutschsprachige Erstaufführung an der Schaubühne Berlin. Weiterlesen

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Lö Grand Bal Almanya von Nurkan Erpulat

Deutsche Lieder

„Wir sind jetzt hier, weil wir damals gekommen sind“, kalauert Sesede Terziyan in der Rolle einer Deutsch-Türkin, die (oder deren Vorfahren) in den 1960er Jahren als Gastarbeiterin nach Deutschland gekommen ist. Sie ist eine von vielen, die als kunterbuntes Ensemble (Kostüme: Pieter Bax) von den skurrilen und traurigen Erfahrungen der türkischen Gastarbeiter und ihrer Nachfahren in Deutschland erzählen.

Autor und Regisseur Nurkan Erpulat zeichnet in Lö Grand Bal Almanya ein Psychogramm von „57 Jahren Scheinehe“ zwischen Deutschen und Türken. Diese Neuinszenierung feierte am 25. Mai 2018 im Maxim Gorki Theater Berlin Premiere.

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The Encounter von Complicité/Simon McBurney

Erzähle ihnen, dass wir wirklich existieren.“

The Encounter ist die von Complicité/Simon McBurney inszenierte Begegnung mit dem Stamm der Mayoruna im Amazonasdelta. Die Koproduktion von Complicité mit dem Edinburgh International Festival, dem Barbican London, dem Onassis Cultural Centre Athen, der Schaubühne Berlin, dem Théâtre Vidy Lausanne und dem Warwick Arts Centre feierte am 17. Mai 2018 in der Schaubühne Berlin seine Deutschlandpremiere und verführte das Publikum zu Standing Ovations. Weiterlesen

Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams

In Elysischen Gefilden

Zwischen hochsymbolischen Orten wie ihrem Zuhause namens Belle Rêve und einem Ort, der sich sarkastisch „Elysische Gefilde“ nennt, und irgendwo kurz vor der Endstation Sehnsucht und dem Friedhof liegt, entfaltet sich der unaufhaltsame Abstieg der Blanche DuBois. Michael Thalheimer inszeniert ihn am Berliner Ensemble in Endstation Sehnsucht als das Anfliegen eines zarten weißen Schmetterlings gegen einen Orkan, der ihn unweigerlich irgendwann gegen die Wand drücken wird. Dieses viel gespielte Stück von Tennessee Williams über zerstörerische und selbstzerstörerische Tendenzen, kondensiert in Thalheimers Inszenierung zu einem Strom eindringlicher Dramatik. Die Premiere fand am 21. April 2018 statt. Weiterlesen

Draufgängerinnen. All Adventurous Women Do von Tanja Šljivar

Sieben auf einen Streich

Fünf Tage hat die Klassenfahrt nur gedauert, aber sieben Mädchen kehren schwanger von ihr zurück. So geschehen 2014 in Bosnien und Herzegowina. Infolgedessen ging ein Aufschrei von Eltern und Erziehern durch die Medien, denn Teenager-Schwangerschaften waren längst keine Seltenheit mehr. Es wurde über Sexualkunde in der Schule und Aufklärung Zuhause gesprochen. Über die sieben Mädchen, die schwanger von ihrer Klassenfahrt zurückkehrten, wurde vor allem gemutmaßt und geurteilt. Sie selbst kamen jedoch nicht zu Wort.

Die Autorin Tanja Šljivar gibt ihnen in Draufgängerinnen. All Adventurous Women Do eine Stimme. Das Stück wurde am 15. April 2018 im Deutschen Theater Berlin unter der Regie von Salome Dastmalchi uraufgeführt. Die sieben Darstellerinnen und Darsteller des Jungen DT lassen dabei einen vielstimmigen Chor erklingen, der vehement das Recht auf Selbstbestimmung einfordert und die Kraft dafür aus der Gemeinschaft, einer Gemeinschaft der Ungehörten, zieht. Weiterlesen

Medea. Stimmen von Christa Wolf

Die ewige Fremde

Knöcheltief im Wasser steht Maren Eggert zweieinhalb Stunden lang als Medea auf der Bühne des Deutschen Theater Berlin. Mit Jason kam Medea übers Meer als „Flüchtling“ aus Kolchis nach Korinth. Diese Fluchtgeschichte lässt sie niemals los, immer wird sie eine Fremde in Korinth sein. In ihrem Roman Medea. Stimmen hat Christa Wolf gezeigt, wie Medea ihr Fremdsein zum Verhängnis wird, weil der Fremde den sogenannten Einheimischen unheimlich ist, vor allem, wenn er sich, wie Medea, der Anpassung widersetzt. Regisseur Tilman Köhler greift mit Medea. Stimmen einen Stoff auf, der heute so aktuell wie 1996 ist. Die Premiere fand am 5. April 2018 statt. Weiterlesen