„Rückkehr nach Reims“ nach Didier Eribon

Von Links auf Rechts

Mit Rückkehr nach Reims, einer Art Live-Dokumentarfilm, wagt Thomas Ostermeier an der Schaubühne Berlin einen ästhetisch wie dramaturgisch reizvollen Versuch, der so lange glückt, wie der Regisseur nicht versucht, daraus ein Theaterstück zu machen. Die Premiere fand am 24. September 2017 statt. Weiterlesen

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„Amerika“ nach dem Roman von Franz Kafka

Lass dich (nicht) verführen

Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.“ (Franz Kafka, Amerika)

Wie Karl Roßmann jedoch bald feststellen muss, kann er seine Sünde jedoch keinesfalls in Europa zurücklassen und in Amerika ein freies Leben führen. Der sogenannte Amerikanische Traum, in dem jeder, ungeachtet seiner Herkunft, seines Geschlechtes, seiner Hautfarbe oder Religion die Chance hat, durch harte Arbeit sozial und finanziell aufzusteigen, ist längst ausgeträumt: In den Vereinigten Staaten von Amerika besitzt ein Prozent der Bevölkerung ein Drittel des gesamten Privatvermögens und es ist sicher nicht das am härtesten arbeitende Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung. Der Lifestyle dieser Lucky Few wird in den allgegenwärtigen Unterhaltungsmedien und der Werbung zum Heilsversprechen hochgezüchtet und findet seinen Widerhall im Dauerkonsum, mit dem der „kleine Bürger“ seiner unstillbaren Sehnsucht nach einer perversen Vorstellung von Luxus nachgibt.

Dušan David Pařízek zeichnet in seiner Bühnenfassung von Franz Kafkas Roman Amerika am Deutschen Theater Berlin ein radikales und klares Bild der US-Amerikaner als allein nach dem Lustprinzip existierende Omnivore unter dem Diktat der Gleichheit. Premiere war am 27. September 2017. Weiterlesen

Between the Lines. Briefe aus Bissau

Grenzen, Mauern und Zäune

Wenn sich im Bühnenbild von Between the Lines. Briefe aus Bissau Reihen weißer Schnüre mit der Projektion von Filmaufnahmen aus Guinea-Bissau vor und zurück, auseinander und zusammen schieben, dann nimmt der Zuschauer dabei auch eine Verschiebung und ein Verschwimmen von hier und dort, Afrika und Europa, von Gegenwart und Vergangenheit wahr. Buchstäblich zwischen diesen Linien werden Stimmen laut, die von Auswanderung und Fremdsein erzählen. In der Stückentwicklung von Auftrag : Lorey (Bjoern Auftrag und Stefanie Lorey) und der Filmemacherin Kolja Kunt findet eine sehr behutsame, poetische und einnehmende Annäherung an eine ganz besondere deutsch-afrikanische Geschichte statt. Die Premiere war am 30. September 2017 Deutschen Theater Berlin. Weiterlesen

ZEPPELIN frei nach Texten von Ödön von Horváth

Siehst du den Himmel?

Woran denken Sie beim Wort Zeppelin? – Demnächst werden Sie dabei an Ödön von Horváth denken. Vorausgesetzt, Sie kennen Horváths Texte. Wenn nicht, werden Sie an menschliche Puppen denken, die an einem Zeppelin aus Stahlrohren ein Luftballett im Blauen zu der sphärischen Musik ihres Gefährts aufführen und dabei schimmernde Sätze aneinander fädeln.

Diese Sätze stammen von Horváth. Herbert Fritsch hat sie für seine erste Inszenierung an der Berliner Schaubühne sorgfältig auswählt. Er erzählt mit diesen Sätzen keine Geschichte, sondern deutet hunderte an – und entwirft so eine Anatomie menschlicher Abnormitäten, die sein Ensemble komödiantisch, mimisch und mit vollem Einsatz verkörpert. Weiterlesen

„It can’t happen here“ nach dem Roman von Sinclair Lewis

Die Pflicht, sich einzumischen

Wer am Tag vor der anstehenden Bundestagswahl noch mal Unterricht in politischer Bildung nehmen möchte, kann dies im Deutschen Theater Berlin tun. Gepaukt wird der Romanstoff It can’t happen here des Literaturnobelpreisträgers Sinclair Lewis. Regisseur Christopher Rüping und Dramaturg John von Düffel haben diesen fast vergessenen Text zur richtigen Stunde für die Bühne adaptiert: Diese Dystopie des Faschismus in Amerika entstand 1935 unter dem Eindruck der Machtergreifung Adolf Hitlers. Damals meldete die US-Presse: „Das kann hier nicht geschehen!“ Unter veränderten Vorzeichen finden wir uns heute in einer ähnlichen Situation wieder: Über die Wahl des aktuellen US-Präsidenten wird aus vermeintlicher geistiger Überlegenheit heraus gespottet, doch auch hierzulande verzeichnen die rechten Kräfte einen dramatischen Aufschwung. It can’t happen here ist der Aufruf, dieser Entwicklung nicht mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Weiterlesen

„Der Untertan“ nach dem Roman von Heinrich Mann

Windelvoll und mordsgefährlich

Zwischen Schwänen aus Wagners Lohengrin, dem Reichsadler und der Kaiserkrone führt die Inszenierung Der Untertan an der Vaganten Bühne Berlin ins Herz eines Deutschtums, das noch immer schlägt.

Premiere war am 7. September 2017. Lars Georg Vogel hat den Romanstoff von Heinrich Mann für die Bühne bearbeitet. Weiterlesen

Amal von Sasha Waltz & Guests, Medhat Aldaabal und Davide Camplani

Die Hoffnung ist ein Kind

Im warmen Schein der aufgehenden Bühnensonne liegt ein Kind zusammengekauert auf dem Boden. Bei vielen Zuschauern wird in diesem Moment wahrscheinlich die Erinnerung an Bilder wach, die 2015 für großes Erschrecken sorgten. Darauf ist ein lebloser Kinderkörper zu sehen, der an einen türkischen Strand gespült wurde. In diesem Bild hat sich das Flüchtlingsdrama, das immernoch anhält, verdichtet.

Im Rahmen des Zuhören-Projekts von Sasha Waltz & Guests startete im Februar 2016 ein Tanzworkshop mit unbegleiteten syrischen Minderhjährigen, syrischen Tänzer_innen und Mitgliedern der Compagnie. Auf Initiative von Medhat Aldaabal entwickelten daraufhin vier Tänzer dieser Gruppe zusammen mit dem Ensemblemitglied Davide Camplani das Stück Amal (arabisch: Hoffnung). Premiere war am 21. Juni 2017 in den Sophiensälen. Weiterlesen