Wenn Farah weint

Eine Form finden

Es ist eine Sysiphos-Arbeit: Ankommen, sich etwas aufbauen, das, noch bevor es fertig ist, immer wieder einstürzt. Einen besseren Ort suchen, von Vorn beginnen. – Unermüdlich schichten die Darsteller in Wenn Farah weint Treibhölzer übereinander, bis Gebilde entstehen, die an Häuser – oder vielmehr Behausungen – erinnert. Immer wieder fallen einzelne Hölzchen herab oder stürzt das gesamte Konstrukt ein. Dieses Bild: Vielmehr braucht es nicht, um zu erahnen, wie es Farah ergeht, der jungen syrischen Frau, die einen neuen, eigenen Platz jenseits von familiären, gesellschaftlichen und patriarchalen Zwängen sucht. Weiterlesen

„BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida)“ von Fritz Kater

Alles ist möglich

»Utopie, Phantasie, Instinkt, Liebe und Tod, Sorge: In BUCH. Berlin skizziert der Gegenwarts- und Erinnerungsautor Fritz Kater fünf mögliche Zutaten des Lebens«, so die Ankündigung des Deutschen Theaters Berlin für die Inszenierung von Tilman Köhler, die am 24. September 2016 Premiere hatte. Hier offenbart sich bereits die größte Schwäche des Stücks: Es handelt von möglichen Zutaten des Lebens. Statt der Offenheit, die der Autor damit suggeriert, verzettelt er sich jedoch in einer Beliebigkeit, die jeden Zusammenhang, jede Aussage verweigert. Tilman Köhler hat diese Unentschiedenheit, dieses Nebeneinander von Möglichkeiten, immerhin unterhaltsam inszeniert, doch zurück bleibt der Eindruck, nahezu drei Stunden lang durch ein Labyrinth von Geschichten geschickt zu werden, an dessen Ausgang lediglich die Erleichterung wartet, dass der Vorhang endlich fällt. Weiterlesen

„Der Mensch erscheint im Holozän“ nach Max Frisch

Im Riss wird plötzlich alles offensichtlich

»Begonnen hat es …«, sagt Ulrich Matthes, und schon fällt der Vorhang wieder. Die neue Spielzeit eröffnet das Deutsche Theater Berlin mit einer poetischen, leisen und doch eindringlichen Inszenierung von Max Frischs Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän. Es ist die erste Regiearbeit, die Thom Lutz für das Deutsche Theater realisiert hat und hoffentlich der Anfang einer langen Arbeitsbeziehung. Weiterlesen

Born Digital

Unsere digitale Zukunft zwischen Forschung und Science Fiction
Die jungen Menschen des Jugendclubs Born Digital sind allesamt Digital Natives. Digital Natives, das sind all jene, die in unser digitales Zeitalter hineingeboren wurden und vollkommen selbstverständlich mit dem Internet, Computern und Smartphones aufgewachsen sind. Born Digital widmet sich in dem gleichnamigen Stück, das am 2. Juni 2016 im Deutschen Theater Berlin Premiere feierte, der Frage, die das „digitale Leben“ unsere Identität und unser Dasein verändert. Weiterlesen

„Berlin Alexanderplatz“ nach Alfred Döblin

dreht sich im Kreis

Viel Geduld verlangte Sebastian Hartmann dem Publikum bei der Premiere seiner Inszenierung von Berlin Alexanderplatz am 12. Mai 2016 am Deutschen Theater Berlin ab. Nicht nur die monumentale Länge der Inszenierung von viereinhalb Stunden riss gewaltig am Geduldsfaden, auch szenisch vernachlässigte, als „abstrakt“ getarnte Szenen ließen jede Pause zur Fluchtmöglichkeit werden. Weiterlesen

„Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße. Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten“ von Peter Handke

Eine ganze Welt erzählen oder Das Prinzip Landstraße

„Kommen lassen erst einmal die Szenerie: Und da kommt sie, da erscheint sie, da fliegt sie mich an, da erstreckt sie sich, die Landstraße, vorderhand leer. Und indem ich mir das laut vorerzähle, ist die Straße auch schon bevölkert mit mir, der ICH am Rand der Straße daherschlendere, mit ausgreifenden, epischen Schritten, vorderhand allein.“ Dem Gestus dieses Ich-Erzählers folgend entrollt sich über die Bühne  eine Straße, geht ein Himmel auf, bricht eine marode Bushaltestelle aus den Bühnenbrettern hervor, wie von Zauberhand. Und doch ist es keine Zauberei, sondern schlicht die Macht des Wortes: Das Erzählte verfestigt sich zur erzählten Wirklichkeit.

Peter Handkes neues Stück Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße. Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten (2015) handelt vom Erzählen selbst und es handelt, natürlich, von der Sprache. In einer Koproduktion mit dem Burgtheater Wien ist Claus Peymann eine kongeniale Inszenierung dieses bemerkenswerten Textes gelungen. Die Uraufführung feierte am 1. Mai 2016 im Berliner Ensemble Deutschland-Premiere. Weiterlesen